Unüberwindbare Grenzen

“Du hast darüber jetzt schon über vier Wochen lang gebrütet. Tu Mir den Gefallen, spuck’s endlich aus!”
—Loki, in meinen Kopf hinein (paraphrasiert)

Das hier ist einer dieser Beiträge die ich schwer zu schreiben finde; es ist außerdem, zu meinem Glück oder Unglück (darüber ließe sich sehr gut streiten), notwendig dass ich ihn schreibe. Allerspätestens seit Loki angefangen hat, über meine Possen die Augen zu verdrehen. Ich schreibe das hier als kritische Auseinandersetzung mit Dels Post “We can learn a lot from things that annoy us, or what I figured out about the proliferation of Loki’s wives online“. Ich möchte aber noch anfügen, dass das nicht der einzige Beitrag ist, der mich dazu bewogen hat. Tatsächlich ist das hier eher als eine kollektive Antwort auf eine Reihe hochproblematischer Beiträge erfahrener spirit worker in jüngerer Zeit zu sehen [Anm.: gibt es für “spirit worker” eigentlich einen guten deutschen Begriff?]. Ich antworte nur deswegen speziell auf Dels Post, da er ziemlich gut und ironischer Weise mit dem zusammenfällt, was ich zu sagen habe. Doch davon später mehr.

Zunächst einmal: warum finde ich die obigen Beiträge problematisch? Wenn es sich nur schlicht und ergreifend um Blödsinn handeln würde, dann wäre es einfach, sie komplett zu ignorieren und anderen Dingen nachzugehen. Das Problem ist nicht, dass die Beiträge selbst keinen Sinn ergeben, ganz im Gegenteil: Paradoxer Weise liegt das Problem genau in der Tatsache, dass sie positiv zur jeweils angesprochenen Situation beitragen, zumindest auf der Sachebene. Auf der Sachebene geht es um das inflationäre Auftreten von Loki-Ehefrauen in Dels Fall, und in Galina Krasskovas und Sannions Fall um das augenscheinliche Bedürfnis nach externer Validierung der eigenen mystischen Erfahrung. Alle drei Posts, die ich verlinkt habe, tragen zu ihren jeweiligen Themen bei, daran besteht kein Zweifel.

Was sie eint: Alle drei sind sehr lautstark in ihrer Kritik an den jüngeren Entwicklungen in den Online-Gemeinschaften: Der weiteren heidnischen/paganen Gemeinschaft, die pagane Gemeinschaft auf tumblr im Speziellen, oder, wie dem sein mag, der Gemeinschaft der Anhänger Lokis.

Was diese Beiträge problematisch macht, ist ihr Effekt auf der Ebene oberhalb der Sachebene—der Meta- oder strukturellen Ebene. Denn was keiner der obigen drei Beiträge behandelt ist das zu Grunde liegende strukturelle Problem in den Online-Gemeinschaften. Tatsächlich ist alles, was die Beiträge auf struktureller Ebene erreichen eine Verschlimmerung der bereits vorhandenen Problematik, nämlich:

Der offensichtliche Riss, der einmal mitten durch das Herz der Gemeinschaft(en) geht.

Die Gemeinschaften sind gespalten. Da gibt es solche mit jahrzehntelanger Erfahrung als Spirit Worker [nochmal Anm: wenn mir jemand einen guten deutschen Begriff nennen könnte wäre ich echt dankbar!], als Wissenschaftler, manchmal beides. Und auf der anderen Seite sind all diejenigen, für die die ganze Welt der mystischen Erfahrung, der Zusammenkunft mit Gottheiten, die Liebe und Hingabe zu Göttern und Göttinnen noch neu ist. (Wenn man mal ehrlich ist: die ganze Problematik dreht sich um die Lokean-Gemeinschaft, und ich spreche hier als eine Anhängerin und Verehrerin Lokis; daher nehme ich ab hier den Plural aus Gemeinschaften, und lasse die Verweise auf andere Gottheiten weg…)

Diese Zweiteilung der metaphorischen Landschaft ist eine Tatsache, der Wenige etwas entgegensetzen werden, die sich einmal im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte in der “Szene” umesehen haben. Und was Dels, Galinas und Sannions Beiträge tun—vielleicht als ein Nebeneffekt, aber so sicher bin ich mir da im Allgemeinen nicht—ist nicht nur, diesen Riss zu verewigen, sondern ihn noch dazu unnötiger Weise zu verbreitern.

Denn was jedem einzelnen von ihnen misslingt zu sehen, ist, dass es diejenigen unter uns gibt, die auf der einen Seite zwar “Newbie Lokeans” sind, aber dennoch einigermaßen bodenständige Perspektiven bieten, die genau wissen, wie unstet und prekär die ganze Godphone-Angelegenheit wirklich ist [Anm. noch so ein Begriff… Hilfe wird gern angenommen!]; die sich mit Händen und Füßen dagegen wehren, auf Nimmerwiedersehen in eine mentale Schublade gesteckt zu werden. Wir existieren, und wir sind hier draußen ohne nennenswertes Netzwerk, aber wir wollen, und vielleicht sogar müssen, gehört werden.

Also warum schreibe ich als Antwort auf Dels Beitrag im Speziellen? Weil Del explizit von denen, die (noch) wenig Erfahrung haben, verlangt, dass sie ihre Perspektive hier draußen schildern, dass sie darüber bloggen, dass ihr Godphone eben nicht funktioniert (obwohl man hier natürlich anmerken kann, dass dem die Unterstellung zu Grunde liegt, dass anderer Leute, d.h., Newbies’, Godphone standardmäßig Müll ist). Über Schwierigkeiten und Kampf zu schreiben, und die kleinen Mini-Schrittchen auf ihrem spirituellen Weg. Oh, und natürlich auch die Rückschläge.

Die Ironie an diesem Teil von Dels Beitrag besteht darin: Vor ein paar Wochen habe ich über genau diese Themen gebloggt: Unzuverlässige Godphones, Gemeinschaften die über einer Inflation von Channelling-Diensten auseinanderbrechen, über systematische Voreingenommenheit zum Zwecke der Bestätigung eigener Ideen, und sogar über ausufernde tatsächliche Erfindung von Fiktion. Ich deutete damals explizit auf die gruppendynamischen Effekte hin, die einen Neuling dazu bewiegen, sich Rat bei seinesgleichen zu suchen, und letzten Endes auch die Motivation herstellen, eigenen Rat anderen anzubieten. Zugegebener Maßen habe ich das getan, ohne dabei bewusst antagonistisch zu sein, und mag deswegen vielleicht weniger interessant zu lesen gewesen sein… aber der springende Punkt ist: Del für seinen Teil hat meinen Beitrag damals gelesen und einen langen, nachdenklich stimmenden Kommentar dazu hinterlassen (Danke dafür nochmal!).

Somit steckte in seiner Forderung nach etwas, von dem er wusste, dass ich es bereits getan hatte (und ich bin ganz gewaltig sicher, dass ich nicht die einzige bin!), die implizite Verneinung der Existenz eines solchen Mittelwegs. Sie zeichnet die Gemeinschaft als eine Gemeinschaft der “Ältesten, Weisen und Erfahrenen” auf der einen Seite der Trennlinie, und den “Fluffigen, Exaltierten und übermäßig Erregbaren” auf der anderen Seite, ohne jeglichen Kompromiss. Und dies ist ein System der undurchlässigen Grenzen. Denn ich kann diese Grenze nicht passieren, wenn ich nicht einmal existiere, und meine Nicht-Existenz ist impliziert durch die vielen, vielen Tiraden der Älteren, die uns Neulinge allesamt, mit einem großartigen Streich, in die Rolle der unreifen Jünglinge zwingen.

Zu Dels Verteidigung (gegen mich selbst, ach du Grüne Neune!) ist zu sagen: Er ist nicht sehr herablassend. Del schreibt kritisch über die Gemeinschaft—und wie ich vorhin schon angemerkt habe realistisch und mit gutem Grund auf der Sachebene—ohne sich dazu herzugeben, spöttelnd das nachzuäffen, was er für die Gedanken eines Neulings hält, oder sogar herablassend zu beschimpfen. Das ist auch gar nicht nötig: Jeder weiß, dass die Probleme existieren, und man muss ich nicht solcher Mittel wie Ad-Hominem Angriffe bedienen um Inhalte zu transportieren.

Ich schreibe das hier in vollem Bewusstsein, in welche Art Position ich mich begebe. Der springende Punkt ist, wir existieren. Es gibt in der Gemeinschaft die, die nicht blind sind oder nach Drama lechzen, die sehr gut auf sich selbst Acht geben, wenn es um Interaktion mit Göttlichkeit geht, und die willens und in der Lage sind, ihre Perspektive denen anzubieten, die im Bezug auf “Neu-Sein” näher an ihnen dran sind. Aber wir haben auch unseren eigenen Kopf, und wir posten in Foren wie tumblr, und wir werden unsere online-Zeit nicht damit verbringen, vor erfahreneren Leuten zu katzbuckeln und ihnen nach dem Mund zu reden, in der Hoffnung, dass es uns vielleicht Gehör verschafft.

Ich habe nie versucht, wie Del es formuliert, “mit den Raven Kalderas und Elizabeth Vongvisiths dieser Welt Schritt zu halten”. In beiden Fällen sehe ich nicht im Entferntesten einen Grund, warum das mein Ziel sein sollte, wenn auch mit unterschiedlichen Begründungen.

Ich werde nie irgendjemandes Sprachrohr sein, und wenn mich das Freunde kosten sollte, dann sei es so. Aber es muss gesagt werden, dass ich wirklich viel lieber weniger Ausschließen, weniger rigide Abgrenzungen sehen würde; ich würde mir wünschen, dass ich, und andere, die in einer ähnlichen Situation stecken wie ich, gehört werden. Wir haben Perspektiven beizutragen, wie auch letztlich durch die inhaltliche Überdeckung meines Posts mit Dels Forderung implizit gezeigt ist.

Wir sind bereits da draußen.

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About Myriad

Myriad Hallaug Lokadís
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3 Responses to Unüberwindbare Grenzen

  1. Alexis Solvey Viorsdottir says:

    Sehr guter Beitrag und noch besser, dass du ihn auch auf Deutsch geschrieben hast.
    Ist es okay wenn ich ihn reblogge?

  2. Alexis Solvey Viorsdottir says:

    Reblogged this on Alexis Solveys Spirit- und Alltagsblog und kommentierte:
    Hier ein guter Beitrag von “weaving the net”, einem der bisher (noch) wenigen deutschsprachigen Lokean-Blogs. Er beschäftigt sich mit der Spaltung der Gemeinschaften innerhalb der Spirit-Szene, im Besonderen der lokischen… lokeanischen… gibt’s da überhaupt schon ein Wort dafür?
    Wie auch immer, sehr lesenswert, wenns einen (in)direk betrifft.

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