Wege in die Herzen der Seinen

Ich möchte ein wenig darüber reden, wie ich zunächst auf Lokis Einfluss in meinem Leben aufmerksam wurde, und, als ein angrenzendes Thema, über die Myriaden von Möglichkeiten, wie wir, als seine Anhänger und Anhängerinnen, seine Verehrer und Verehrerinnen—kurz gesagt, die Seinen—Ihm Wege in unsere Herzen offenlegen können.

Ich werde nicht in Details seine Aspekte besprechen, obwohl dieses Thema natürlich nicht vollständig vom Thema des Findens einer Verbindung mit Ihm getrennt werden kann. Um ein Beispiel zu geben, was ich unter “Aspekt” verstehe: In vielen der populärsten mystisch orientierten Quellen online oder in gedruckter Form begegnet uns Loki als “der Trickster“. Vielleicht sogar noch häufiger begegnet Er uns als “der Zerstörer der Welten“. Diese Konzepte—Trickster, Weltenbrecher—sind Aspekte von Loki insoweit als dass er sich praktisch komplett als eines dieser Extreme zeigen kann; sie repräsentieren aber nicht Loki selbst, in seiner vollen, komplexen göttlichen Ganzheit. Wenn ich Ihn frage, wie ich Ihn ansprechen soll, dann sagt Er mir ich soll seinen Namen verwenden, oder den Titel, den Er mir für sich gegeben hat. Andere haben dieser Art Erfahrung validiert indem sie mir von ihren persönlichen Erfahrungen berichteten. Demnach irritiert es Loki, ausschließlich als (in diesem spezifischen Fall) der “Weltenbrecher” referenziert zu werden.

Das Konzept von Lokis Aspekten ist ein Konstrukt das vollständig dem Geist von Menschen entsprungen ist, in dem Versuch, diese ganze Wesenheit in verstehbare, möglicher weise erklärbare, aber zweifelsohne kleinere Teile zu packen. In dieser Eigenschaft leistet es dem gelehrten Geiste gute Dienste (“teile und herrsche”). Doch für den Mystiker kann es zum Hindernis werden: Dadurch, dass wir uns auf Loki als einen seiner Aspekte beziehen, verschließen wir uns Seiner Gesamtheit. Wir verhärten uns gegen diejenigen Teile von Ihm, die wir nicht verstehen, oder die wir nicht in der Lage sind, mit unserem momentanen Erlebnishorizont zu vereinbaren.

Die Götter nehmen das, was wir Ihnen anbieten—wenn die einzige Art, wie wir Loki sehen können, die einer rein destruktiven Macht ist, dann wird er sich als solche zu erkennen geben. Ich mag das geistige Bild eines Weges in das Herz, den man einem Gott anbietet, um einzutreten, zeitweise zu Besuch zu bleiben, oder permanenter Bewohner zu werden, oder, unter Umständen, es zu Seinem Eigentum zu erklären. Oft stellen wir fest, dass dieses initiale Angebot mehr oder minder einem Seiner Aspekte entspricht. Aber man tut gut daran, sich zu erinnern, dass diese nur Konstrukte sind; sie sind nicht real.

Es wurde schon zur Genüge erwähnt, dass Loki Verbindungen finden kann zu denen, die von der Gesellschaft marginalisiert werden; oder denen, die unter psychischen Erkrankungen leiden; denen, die traumatische Erlebnisse zu bewältigen haben; denen, die sich außerhalb der Geschlechternormen wiederfinden. Wenn man so möchte, sind dies die Lokianischen… [Anm: HILFE, deutsches Wort bitte!] Stereotypen (wenn so etwas je existierte), denen man in in Schriften von Lokianischen Mystikern begegnet.

Ich glaube, dass das wahr ist. Ich glaube aber auch, dass es sich um ein unnötiges Korsett handelt, das sogar dazu führen kann, dass sich Leute von dem abwenden, was ihr eigener, erfüllender, lebendiger spiritueller oder religiöser Weg sein könnte. Um das mit Konkretem zu belegen: zu Beginn fühlte ich mich fehl am Platze wann auch immer ich mit anderen Leuten online redete, oder las, was “Big Name Pagans” zu sagen hatten. Denn im Hinblick auf alle oben genannten Kriterien passe ich nicht in die “Lokianische Schablone”—sicher, es gibt Ereignisse in meinem Leben, bei denen ich mich dazu überreden lassen könnte, sie als eine Art Trauma oder Marginalisierung, oder was auch immer, zu bezeichnen. Dieser Art Gedanken warfen mich in Zeiten der Sorge nach Art von “wie kann Loki sich bitte für mich interessieren, wenn ich nicht so bin?” Ich habe meiner eigenen Hartnäckigkeit, meinem meist gesunden Selbstbewusstsein und vielleicht der einen oder anderen Standpauke von Jemandem dafür zu danken, dass ich nicht aufgegeben habe.

Es wäre für mich ein solch großer Verlust gewesen, dass ich es wirklich grauenvoll finde. Aber was, wenn ich nicht allein mit diesem Dilemma dastehe? Was, wenn jemand anderes anfängt, zu versuchen sich in diese wahrgenommene Lokianische Norm einzupassen, sich dabei in etwas verkrümmend, das nicht dem Selbst entspricht? Ganz toller Anfang einer Beziehung zu einer Gottheit, die dafür bekannt ist, schonungslos die Masken niederzureißen, hinter denen wir uns verstecken. Oder, was wenn sie es gleich ganz aufgeben? Gibt es überhaupt etwas, das einen Verlust in dieser Größenordnung beschreibt?

Ich hatte Glück. Ich bin ein Skeptiker, und es gewöhnt, Annahmen zu hinterfragen. Und ich hinterfragte die Vollständigkeit der obigen Liste von “Kriterien”. Ich bin wie gesagt auch verdammt stur. Aber mein wahrscheinlich größtes Glück in dieser Angelegenheit bestand darin, dass meine erste mystische Erkenntnis schon geschehen war, als die Zweifel anfingen—in meinem Herzen wusste ich, dass Er da war. Unterbewusst wusste ich, dass mein Leben “von einer Gottheit berührt” war, wie ich es damals in diesen frühen Tagen gegenüber einer Freundin, der ich vertraue, formuliert habe.

Was also war passiert? Ich hatte mir mein bisheriges Leben unter die Lupe genommen, und all die verschiedenen Versionen meiner selbst gesehen, die ich gewesen bin. Ich bemerkte die extremen—für Leute in meinem Umfeld befremdlichen—Veränderungen, die ich zu bestimmten Zeitpunkten meiner Geschichte durchmacht hatte. Das ging so weit, dass mir vorgeworfen wurde, ich hätte “keine Persönlichkeit”. Die Person, die das sagte, war Zeugin einer meiner radikalen Veränderungen, und ihr Vorwurf bezog sich auf die Tiefe dieser Veränderungen. Um ein Bild davon zu ermöglichen: Ich änderte meine Sprachmuster, mein Schriftbild, meine Hobbies, meinen Kleidungsstil, meine größreren Lebensziele [obwohl sich das später als eine Art herausstellte, mit einer ganz anderen Sache umzugehen]. Was diese Person damals nicht verstand, war dass solche krassen Re-Definitionen meiner selbst ein integraler Bestandteil meiner Persönlichkeit sind.

Es gibt eine inhärente Flexibilität, eine Findigkeit, die mit solchen, in Ermangelung eines weniger vorbelegten Wortes, Wandlungen einhergeht. Ich konnte mehrere Musikinstrumente erlernen, Standard- und Lateintänze lernen, Volleyball, Fußball, alles auf Wettkampfniveau. Ich lernte Englisch so zu sprechen, dass noch nicht einmal Muttersprachler merken, dass ich nicht ihresgleichen bin. Ich habe die Grundzüge der Quantenphysik erlernt (obwohl ich zugebe, dass ich das meiste davon inzwischen wieder vergessen habe). Ich habe einen regelmäßigen Sportplan befolgt und ihn wieder hinter mir gelassen. Ich habe die Ursprünge der Piraterie erforscht. Ich habe alles, was es darüber zu lernen gibt, über die italienische Oper des achtzehnten Jahrhunderts gelernt, in ihrer ganzen Schönheit und Hässlichkeit (obwohl auch das sich später als mehr herausstellte als eine einfache “Wandlung”). Ich habe Konversationsitalienisch innerhalb von drei popeligen Wochen gelernt.

Und was dann passierte, war dass ich Wayland Skallagrimssons Artikel über Loki gelesen habe. Aus Gründen, die hier schon selbst erklärend sein sollten, sprang mir diese Passage besonders ins Herz:

Loki’s nature is amorphous, chaotic, capricious, ever-changing. Loki is whatever the circumstances he finds himself in allow him or require him to be. The Lokian who emulates his or her god in this fashion is uniquely well-suited to the path of mysticism. Embracing true Loki-nature is equivalent to a supremely forceful nonabiding. The Lokian who does this cannot remain, in thoughts or emotions, anywhere, for the nature of chaos is change. The mystic will be whirled about, his or her fortunes and nature changed from each moment to the next.

(Wenn Ihr Zeit habt, lest bitte den ganzen Artikel. Er ist einer der ausgewogensten die es aus Perspektive eines Mystikers gibt).

Dieser Zufall—die wörtliche Ko-Inzidenz—meiner Bestandsaufnahme meiner selbst und der vagen Ahnung, dass etwas mit mir passierte auf der einen Seite, und mein zufälliger Fund dieses Aufsatzes auf der anderen Seite, war es, der meine erste mystische Erkenntnis ermöglichte. Diese bestimmte Launenhaftigkeit war es, zu der ich einen initialen Zugang fand, und sie war ihrerseits Lokis Zugang zu meinem Herzen. [Ironischer Weise ist sie auch der Grund warum ich auf der Schleichspur bin, was meine Beziehung zu Ihm angeht…]

Ich frage Dich also, lieber Leser: ist meine Erfahrung deswegen weniger gültig? Gehöre ich aufgrund der Tatsache dass ich mehr oder minder mental stabil bin, nicht unter PTSD leide und mit meiner seltsamen Sexualität und Geschlechteridentifikation völlig im Reinen bin, weniger zu Loki? Kleiner Tipp: NEIN, natürlich nicht.

Und das gilt genauso für die Witzemacherin, die ihre grauen, steifen, über die Maße ernsten Mitmenschen zum Lachen bringt, häufig auf eigene Kosten. Das gilt für den Magier, der sein Schicksal in die eigenen Hände nimmt; natürlich auch für den Schamanen, dessen Krise ihn am Rande des Wahnsinns sieht, oder auch schon jenseits davon. Für die Mutter, die ihr Kind verloren hat, und den Vater, der seine über alles liebt. Für die Person, die von ihr Nahestehenden betrogen wurde. Für den Typen ein paar Straßenblöcke weiter, der sich seine eigene Familie ausgesucht hatte, weil er aus irgendwelchen Gründen weg wollte oder musste. Und für die Dame da drüben, die die Tatsache akzeptiert und begrüßt, dass Moral wandelbar ist.

Es gibt sie alle, und noch viele mehr. Ich glaube es ist nötig, die ganze Palette von Möglichkeiten zu betonen, die wir haben, Loki einen Zugang zu unseren Herzen anzubieten. Denn wenn nicht, dann fängt auf einmal alles an, gleich auszusehen—mehr als gut, und mehr als es wahr ist. Das ist es, was wir gerade in der Gemeinschaft geschehen sehen.

Was macht es schon aus, wenn Du anders bist? Wirklich, was? Wie Du einen Zugang zu Deiner Gottheit findest hängt ebenso von Dir wie von Ihm oder Ihr ab. Und glaub mir, die Götter können einfallsreich sein. Und Loki? Du kannst darauf Gift nehmen, dass es kaum Einfallsreichere gibt als Ihn.

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Myriad Hallaug Lokadís
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4 Responses to Wege in die Herzen der Seinen

  1. Alexis Solvey Viorsdottir says:

    Das ist einer der wenigen Artikel über Loki, dem ich zu 100% zustimmen kann. Leider habe ich heute nicht so viel Zeit aber ich denke, du solltest unbedingt weiter auf Deutsch schreiben, auch wenn du da erst mal kaum Kommentare bekommst. Deine Texte sind SEHR wichtig weil sie mit den Klischees aufräumen *find* Im Gegensatz zu manchem Kram den ich so bei Tumblr gelesen habe… brrr
    Das ist es ja. Loki ist unglaublich vielschichtig und vielseitig. Wenn man es zulässt, kann Er dein ganzes Leben durchdringen.

    • Sooo, jetzt wo ich endlich mal allein bin (bin gerade mit der ganzen Kollegenmeute auf Klausurtagung) kann ich Dir endlich angemessen Danke sagen! Ich freue mich, dass Du mein Gedingse als sinnvoll und sogar wichtig ansiehst. Mir lag es am Herzen, bzw… es/ich war gefordert. Genaugenommen war ich eben genau dazu aufgefordert, die Klischees mal beim Namen zu nennen; bisher gab es kaum negative Resonanz, so falsch kann es also nicht sein! Aber wie das immer so ist mit Besonderen Wünschen ™—man kann sie nicht so recht ausschlagen (will ich auch nicht, ganz und gar nicht!). Also habe ich wieder einmal Schlaf geopfert um die Übersetzung fertig zu bekommen, nachdem ich schon annähernd 2,5 Stunden über dem Original gebrütet habe. :D (Im Ergebnis: um 2 im Bett, völlig aufgekratzt/beseelt und deswegen nur 3 Stunden Schlaf…business as usual)

      Das Thema tumblr ist ein ziemlich sensibles momentant—ein Großteil der “Tiraden”, über die ich mich in meinem letzten Post aufgeregt habe, richten sich kollektiv gegen die sogenannten “tumblr-Lokeans”; dabei gibt es gute Gründe, warum man auf tumblr landet *find*, und bei weitem nicht alle Lokeans dort sind komplett meschugge. Dennoch hast Du natürlich Recht: man muss schon eine ordentliche Portion Menschenverstand (Götterverstand?!?) mitbringen, wenn man sich dort aufhält.

      Loki kann so vieles bedeuten. Ich denke manchmal, dass durch diese “Veraspektung” vieles einfach untergeht. Und das ist sehr schade. *wiederum find*

    • Oh? musst Du mir bei Gelegenheit mal erklären…

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