Die Ahnen, die Keine Sind

Seit einer Weile, und aus meinen ganz eigenen Gründen, habe ich das Gefühl, dass ich dazu aufgefordert bin, einer bestimmten Gruppe Ehre zu erweisen, die zur gleichen Zeit meine Ahnen sind und nicht sind.

Farinelli

Ich schreibe diesen Beitrag um Dich, lieber Leser oder liebe Leserin, dazu zu ermuntern, Deine Gedanken und Ideen mitzuteilen. Ich bin ja nicht so festgefahren (haha, bin ich das jemals, und kann ich es mir überhaupt leisten?!), dass ich keinen Wert auf Anregungen lege! Du bist ausdrücklich auch dazu eingeladen, mir zu widersprechen, wenn Du einen Widerspruch hast. Es ist aber letztlich meine Entscheidung, wie ich mit dem Widerspruch umgehe.

Lass uns aber nun mit dem Vorgeplänkel gut sein, und direkt ins Thema einsteigen: das Ehren der Toten. Ich habe eingangs bereits gesagt, ich werde/bin gefordert, Menschen Ehre zu erweisen, die gleichzeitig meine Ahnen sind, aber es auch eben definitiv nicht sind. Um genau zu sein, wäre jegliche solche Behauptung, gelinde gesagt, einfach zu widerlegen, denn es ist schlicht und ergreifend biologisch unmöglich, dass sie es sind. Denn die Menschen, die ich meine, waren notorisch kinderlos—zumeist zu ihrem Leidwesen: Sie waren die cantanti evirati (die entmannten Sänger) der Barockzeit. Die musici, die virtuosi, die soprani und contralti, kurz gesagt: die (Opern-)Gesangskastraten.

Daher, offensichtlicher Weise, die biologische Unmöglichkeit. Die Kastraten waren Sänger, die, um die oberen Lagen ihrer Singstimme zu erhalten, vor dem Beginn der Pubertät kastriert wurden. Viele, wenn auch sicher nicht alle, kamen aus armen Familien mit zu vielen Mündern, die gefüttert werden mussten, oft aus dem ohnehin ärmlichen Süden Italiens. Viele, wenn auch hier sicher nicht alle, wurden gegen ihren Willen kastriert—ja, es gibt das Beispiel eines Jungen, der die Kastration buchstäblich verlangt hat. Sein Name war Gaetano Majorano; er war es, der später als der notorische Caffarelli bekannt wurde.

Es war unter Exkommunikation durch das Kirchengesetz, und auch durch weltliche Gesetze verboten, Kinder gegen ihren Willen der Kastration zu unterziehen… was, genau gesagt, überhaupt nichts bedeutete. Kinder sind leicht zu beeindrucken, und die Aussicht auf Ruhm, und in manchen Fällen darauf, ein Leben für die Musik zu führen, war durchaus attraktiv. Ihnen wurde vor l’operazione Rauschgift bzw. Betäubungsmittel gegeben, sodass ihre Einwilligung mehr oder weniger eine reine Formalität war. Darüberhinaus wurde den Eltern oft Geld dafür geboten, ihr Kind wegzugeben. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts gab es Männer, die Italiens Süden bereisten, besonders den Teil des Landes, der heute als Apulien bekannt ist, und speziell nach männlichen Kindern armer Familien suchten. Oft spielte tatsächliches Musiktalent eine geringere Rolle bei der Entscheidung als materieller Notstand und die Hoffnung auf Ruhm. Weil die Praxis verboten war, führten gelernte Ärzte und Chirurgen den Eingriff nicht ohne medizinische Indikation durch, obwohl solche natürlich zu Haufe erfunden wurde. Häufig jedoch wurde die Operation heimlich durch Menschen durchgeführt, die keine Chirurgen waren—Tierärzte, barbieri, sogar Metzger.  Offen gesagt war alles, was man dazu brauchte, ein grundlegendes Verständnis menschlicher Anatomie, ein Satz funktionstüchtiger coltelli (Messer), etwas Opium (aber nicht zu viel, da eine Überdosis bei kleinen Kindern leicht zum Tode führte), sowie mindestens einen starken, muskelbepackten Assistenten, dessen Aufgabe darin bestand, das Kind während der Prozedur still zu halten. Das alles fand unter Schichten von Lügen, Halbwahrheiten und offenen Geheimnissen statt. Allein die Anzahl von “Reitunfällen” und Fällen von “Hernie”, die eine Kastration notwendig machten, “um das Leben des Knaben zu retten”, ist—eine statistische Seltsamkeit, um mal das Mindeste dazu zu sagen. In manchen Kreisen wurde “vom Pferd gefallen sein” sogar zur euphemistischen Umschreibung der Sache selbst: Kastration.

Um der Genauigkeit willen: die Stimme wurde streng genommen natürlich nicht bewahrt. Weil die Jungen nie die Geschlechtsreife erreichten, blieben ihre Kehlköpfe klein wie die von Kindern—sogar kleiner als der durchschnittliche Kehlkopf einer Frau, um etwa 0.3 bis 0.5 Zentimeter. Aber der Köperbau eines Kastraten war nicht mit dem eines Kindes oder einer Frau zu vergleichen—und aufgrund der Tatsache, dass die Körperform einen wesentlichen Einfluss auf die Klangfarbe und Frequenzverteilung der Obertöne hat, war der Klang der Stimme eines Kastraten weder kindlich noch “weibisch” (obwohl es die Lästereien der damaligen Zeit gern so darstellten). Nicht einmal heutige Countertenöre können unverfälscht den Klang einer Kastratenstimme widergeben, denn sie benutzen eine komplett andere Singtechnik—das Falsett anstelle des von den Kastraten benutzte Modalregisters. Das Stimmregister ist sogar noch ausschlaggebender für die Stimmfarbe als der Körperbau.

Verglichen mit dem damaligen medizinischen Durchschnitt war die Operation selbst, sogar unter Berücksichtigung der Tatsache, dass sie häufig nicht qualifiziert durchgeführt wurde, noch relativ risikoarm, zumindest bezogen auf die Sterblichkeitsrate. Aber: wenn nicht korrekt oder zu spät operiert wurde—Kastrationen wurden im Alter zwischen 7 und 11 Jahren durchgeführt, wobei das letztere schon außergewöhnlich spät war—konnte die Stimme dennoch im üblichen Alter brechen. Das war der ungünstigste Fall, denn die Stimme nahm dann einen unschönen Charakter an, dem es an Strahlkraft und Vollheit mangelte—der also für eine Gesangskarriere völlig ungeeignet war. Es versteht sich fast von selbst: Kastraten hatten keine alternativen Berufschancen außer einigen wenigen, darunter der Versuch, sich als Komponist zu verdingen, oder an einem der conservatori Dienertätigkeiten auszuführen. Und die, die weder eine Stimme, noch musikalisches Verständnis, noch Glück hatten? Über ihre Schicksale ist uns heute nichts bekannt, aber sie konnten sich glücklich schätzen, wenn sie ihres hübschen Gesichts wegen ausgehalten wurden. Aber natürlich hielt auch das nicht ewig an.

Nun… ich bin also dazu berufen, den Kastraten Ehre zu erweisen, ähnlich meinen Ahnen, obwohl sie das unmöglich sein können. Weswegen ich glaube, dass die Rekonstruktionisten [Rekonstruktionäre??] unter Euch jetzt schon sooo eine tiefe Stirnrunzelfalte haben. Und dabei habe ich noch nicht in Betracht gezogen, dass sie fast allesamt Italiener und Katholiken waren (zumindest waren die meisten sehr katholisch; ich habe auch wissen die Götter überhaupt nichts gegen Italiener, aber was ich meine ist, dass ich wohl keine italienischen Vorfahren habe). Aber vor Allem bleibt eine Tatache unumstritten: sie sind nicht meine Ahnen, oder die Ahnen von irgendjemand sonst. Ich bin nicht Teil ihrer Abstammungslinie, also haben sie auch nicht dasselbe Interesse an mir und meinen Geschicken wie meine tatsächlichen Vorfahren: denn schließlich führe ich nicht ihre Linie fort.

Aber etwas tue ich sehr wohl: Ich führe sehr wohl ihren Namen fort, wenn nicht in meinem eigenen Namen, dann doch in meiner Rede. Ich führe ihn insbesondere auch in meiner Musik fort. Dadurch dass ich Stücke singe, die ihnen gedwidmet sind oder für sie komponiert wurden. Diesen kommenden Sonntag werde ich eine Motette aufführen, die für einen primo uomo komponiert wurde. Durch mich, und durch andere, sind sie nicht vergessen.

Und während sie zwar nicht meine biologischen Ahnen sind, meine kulturellen Ahnen sind sie auf jeden Fall. Hätte es die Kastraten nicht gegeben, wäre das gesamte Operngenre nicht so evolviert, wie wir es heute kennen. Die Kastraten waren die Ikonen der Oper während der Spätrenaissance, während der GESAMTEN Barockzeit, und während der Frühklassik. Sie waren die Musen, die zu einigen der schönsten Arien inspirierten, die je geschrieben wurden. Sie waren es, die einen Standard der Stimm- und Gesangsqualität setzten, der weit über Italien, sogar über Europa hinaus maßgebend war. Wer kann sagen wie sich die Oper entwickelt hätte, wenn es die Kastraten nicht gegeben hätte? Wir würden wahrscheinlich keine der großen klassischen Belcanto-Opern des frühen 19. Jahrhunderts kennen, und auch keine “Götterdämmerung”.

Manchmal wurden aus den Sängern auch politisch bedeutsame Figuren, die als inoffizielle Premierminister sogar die Geschicke ganzer Königreiche lenkten—schau mal nach Spanien, und mache Dich über Philip V und Ferdinand VI von Spanien schlau!

Die Kastraten prägten und gestalteten also das gesamte musikalische Erbe Europas, und damit ist ihr Einfluss sicher noch nicht voll beschrieben!

Sie haben in meinem Leben auch noch einen anderen Platz: obwohl sie nicht meine Ahnen sein können, sind sie es (in so mancher Hinsicht, bitte fragt mich nicht nach einer Erklärung, die wird es nämlich nicht geben). Wenn ich über sie schreibe, oder ihre Musik singe, dann ist das etwas sehr Persönliches. Sie haben, gewisser Maßen, mein Leben mindestens genauso stark geprägt wie meine Vorfahren, vielleicht sogar mehr. Und aus diesem Grund fühle ich, dass ich hier eine Verantwortung und eine heilige Pflicht habe.

Ich habe auch genau genommen schon seit einiger Zeit einen ihnen gewidmeten Schrein. Ich wusste nur bisher nicht, dass es ein Schrein ist, aber ich habe den generellen Ort immer mit besonderer Sorgfalt gepflegt. Zentral in meinem Schrein ist ein gerahmtes Bild des großen Farinelli—alle Kastraten bewunderten ihn, strebten seinen Grad der Perfektion an, versuchten, ihn zu imitieren und beneideten ihn. Und obwohl manche ihm nahe kamen, und manche die Meinung vertraten, er sei auch stimmlich übertroffen worden—keiner spiegelte je gleichzeitig sein außerordentlich gutherziges, großzügiges und bescheidenes Naturell wider. Alles in allem würde ich also sagen, habe ich den Kastraten bereits seit langem Ehre erwiesen—ich habe sogar in ihrem Namen für das Wohl meiner Stimme vor zwei Jahren das Rauchen aufgegeben. Verglichen mit ihrem Opfer, dachte ich damals, ist das gar nichts. Das Mindeste was ich tun kann.

Und schließlich, lasst uns nicht ein wirklich sehr poetisches Detail vergessen: geschlechtliche Mehrdeutigkeit. Sie sind das Sinnbild derselben. Und von daher sollten sie eigentlich von aaaaaaalllen Lokeans umgarnt werden, wie ich finde, insbesondere denen, die sich als queer betrachten. Nein, das ist jetzt nur halb ernst gemeint. Was ich aber durchaus ernst meine ist folgendes: Wenn wir uns über geschlechtliche Mehrdeutigkeit unseren Gottheiten annähern, dann wäre es zumindest sehr inkonsistent, wenn wir den Gesangskastraten Ehrerweisung vorenthalten.

Also, was denkst Du? Ist es “angebracht”, ihnen neben den Ahnen Ehre zu erweisen? Wie würde das in Deine eigene Praxis passen? Was spricht dagegen, was dafür (außer den Argumenten, die ich bereits genannt habe)? Ich freue mich auf Deinen Kommentar!

P.S.: ich habe bewusst das Thema der Heuchelei, das sich durch die ganze Thematik zieht, außen vor gelassen, da ich diesen Post nicht als Verunglimpfung der katholischen Kirche sehen möchte.

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