Zwei Lektionen über das Opfern (1)

Eigentlich wollte ich heute über etwas anderes schreiben, etwas ganz ganz Persönliches und ein paar unpopuläre Meinungen (nämlich meine) zu einem populären Thema. Aber es kam ganz anders.

Seit einiger Zeit schreibe ich regelmäßiger Dinge auf, die sich zwischen mir und meinem Divinus ereignen. Er wollte es so. Und dann kam es innerhalb von nur ein paar Tagen zu zwei Geschehnissen, die eigentlich auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben — aber auf den zweiten Blick beide eine wertvolle Lektion über Opferpraxis enthalten.

Das Englische unterscheidet bei “Opfer” zweckmäßiger Weise die Variante “offering” und “sacrifice” (und “victim”, aber das ist jetzt ein Scherz und nicht ernst gemeint!). Sacrifice impliziert im modernen Sprachgebrauch Verzicht, Verlust oder Entsagen. Offering hat einen stärker betonten Anklang an das Anbieten von etwas von Wert, weniger an die Implikation des Verlustes von etwas von Wert (man kann das Wort ja auch korrekt als “Angebot” übersetzen). In diesem Beitrag soll es primär um die letztgenannte Interpretation als Anbieten einer werttragenden Sache gehen. Dabei ist das jetzt bewusst allgemein formuliert; es muss sich bei der Sache nicht um etwas Physisches, Stoffliches (wie etwa Speise oder Trank) handeln, sondern es kann z.B. auch etwas Energetisches oder ein anderer Dienst sein.

Ich bin relativ traditionell was das Opfern angeht. Ich bringe Herrn L. regelmäßig Opfer dar, habe einen Altar dafür, den ich jeden Tag pflege, säubere, und verwende, zum Opfern, Beten und Meditieren (und für alles, was dazwischen liegt). Der Altar selbst ist mit eher hochwertigen Dingen geschmückt, ganz “klassisch” (eigentlich ja ein falsches Wort für den Loki-Kult) mit vielen Orange- und Rottönen, Gold, Terrakotta, Holz und (Edel)steinen. Das ist meine Präferenz, und Loki ist davon recht angetan. Zumindest hat Er noch nie irgendwelche grellbunten billigen Plastikdinge von mir verlangt — ich weiß ja schon, dass Er das manchmal zu mögen scheint. Ich mag’s aber nicht, und bisher ist Loki damit völlig d’accord. Wenn Ihr also jemals eine große Scheußlichkeit auf meinem Altar seht, dann wisst Ihr, dass die da nur unter Protest gelandet ist. Aber über meinen Altar will ich eigentlich ja nicht schreiben, sondern über Opferpraxis. Und vor Allem darüber, warum man nicht opfern sollte.

Die erste Lektion bekam ich noch keine Woche her. Da ging es im weitesten Sinne um eine Art Dienst. Um mich zu ärgern (oder, aus der Retrospektive betrachtet, wohl eher um mir etwas beizubringen), fragte mich Loki, ob ich denn diesen Dienst gerade zu jenem Zeitpunkt, quasi ad hoc, erbringen würde. Es war kein Befehl, nur die Frage, “Würdest du…?”.

Ich hatte ehrlich gesagt ja wirklich eigentlich nicht gerade den Nerv dafür, stand ein bisschen unter Zeitdruck, und hatte genau genommen “keen Bock”. Aber, weil ich großen Wert darauf lege, Ihm so gut ich kann zu dienen, fing ich an, entsprechende Anstalten zu machen. Nicht gerade die beste Idee meines Lebens, wie ich gleich darauf feststellen durfte.

“Beleidige Mich nicht”, verlangte Er; etwas Gefährliches schwang ganz dicht unter der Oberfläche mit und Sein Ärger war deutlich spürbar. Sehr deutlich. Wenn Er körperlich anwesend gewesen wäre, hätte Er mich vermutlich gepackt und geschüttelt. Aber Er muss nicht physisch werden, um Sich unmissverständlich mitzuteilen. Der Kontrast zum verspielten, angenehmen Beieinandersein, das dem vorausgegangen war, war absolut ausreichend.

Ich lernte an jenem Tag etwas darüber, was für Götter “Verdorbene Ware” ist. Das, was ich lernte, war für mich persönlich sehr aufschlussreich und vielleicht nützt es dem einen oder der anderen etwas.

Ich ging davon aus, ohne dass Er mir dazu einen Anhaltspunkt gegeben hätte, dass ein “Nein” eine inhärent schlechtere Antwort auf Seine Frage wäre als ein “Ja”. (Das ist mal was, worüber man auch für sich genommen nachdenken kann — wie ist das mit Erwartungsdruck bezüglich der “Nein”s und “Ja”s, und woher kommt er?).

Und? War das Ja nun die bessere Antwort? Ratet mal: Genau, falsch. Wenn dem so gewesen wäre, hätte Er mir klipp und klar gesagt: mach’ dies. Hat Er aber nicht getan, sondern Er fragte mich, wissend dass ich gerade nicht “in der Stimmung” war (haha, hinterher ist es immer offensichtlich, nicht wahr?), ob ich Ihm diesen Dienst erbringen würde.

Und anstelle Ihm ehrlich zu sagen, nein, jetzt nicht… subsumierte ich meinen Willen unter dem, was ich als Sein Wille vermutete. Nicht unter Seinem tatsächlichen Willen, sondern unter einer vagen (und falschen) Vermutung, und das auch noch unter Missachtung meines eigenen Willens. Wie sagt man? Ganz schön blöd, wa? Aber das ist noch längst nicht alles. Denn dadurch, dass ich mich unter Ihm subsumiere, weise ich die Verantwortung für negative Konsequenzen von mir. “Hab’ ich ja nur gemacht, weil ich dachte, dass es Dir eine Freude bereitet”. Das ist nicht nur “ganz schön blöd”, sondern das, meine Lieben, ist Opportunismus und Instrumentalisierung, und zwar die eines Gottes zum Zweck der Entledigung von der Eigenverantwortung. Versteht Ihr jetzt, warum Er mit so viel Ärger reagiert hat?

Ja. Aber genau das ist, was ich die ersten 25-plus Jahre meines Lebens getan habe. Antizipation von Erwartungen Anderer, und damit konform gehen, unter ganz erheblichen Verlusten für mich persönlich. Um dann daraufhin die Schuld an eben jenen Verlusten dem Anderen zu geben.

Und dennoch, um das hier vernünftig abzugrenzen: Es ist mir ein Anliegen zu betonen, dass ich keineswegs meinen eigenen Willen über den Seinen stelle. Leute, die mich kennen, wissen das. Darum ging es nicht. Es ging nicht darum, ob ich zurückstecke, wenn es zwischen mir und Ihm zu einem Interessenskonflikt kommt. Das ist eine ganz andere Situation, über die ich hier nicht schreiben will.

Nein, es ging um Verneinung der Existenz (nicht nur Missachtung) des eigenen Willens in Emulation des Seinen, und um letztliche Verweigerung der Verantwortung für negative Konsequenzen des eigenen Handelns. Negative Konsequenz? mag man sich fragen… aber ein “schlechtes Gefühl” bei etwas, das integraler Bestandteil einer erfüllten mystischen Beziehung (nämlich der meinen) ist, würde ich durchaus so bezeichnen.

Wenn sich eine Opferung so anfühlt, dann ist das ein Zeichen, dass etwas nicht stimmt. Und dann sollte man sich wirklich überlegen, ob man tatsächlich gerade nicht etwas anderes tun sollte. Zum Beispiel einen Spaziergang, oder mit einer Freundin am Telefon hängen. Oder etwas richtig, richtig Banales. Burger all you can eat zum Beispiel, oder Fußball gucken, oder Pub Quiz. Alles mögliche, aber nicht Opfern. Loki sagte mir, dass ein solches Opfer für Ihn nichts Wert ist, verdorben — und ich weiß, es ist Gift für U/unsere Beziehung.

Hier ist noch ein persönlicher Tipp, den gibt’s gratis obendrauf: schreibt Dinge auf! Es macht einen Unterschied, ob man sie manifestiert oder nicht… und wahrscheinlich werdet Ihr sehen, dass Ihr eine ganze Menge mehr zu einem Thema zu schreiben habt als Ihr ursprünglich gedacht habt… ich seh’ das gerade am Word Count unten. Genau deswegen verschiebe ich die zweite Lernerfahrung lieber in einen separaten Beitrag. Kann ja sonst keiner ertragen, weitere 1000 Worte zu lesen ;-)

Sei nur so viel an dieser Stelle schon gesagt: Es gibt mehr als eine Art, bei der Opferpraxis Mist zu bauen! Mehr darüber bald

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About Myriad

Myriad Hallaug Lokadís
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14 Responses to Zwei Lektionen über das Opfern (1)

  1. Alexis Solvey Viorsdottir says:

    Ich durfte diese Lektion auch lernen. Ich habe es aufgrund einer Frage von Herrn A. gewagt Seinen “vermuteten” Willen (wie du so schön geschrieben hast) vorweg zu nehmen und bekam die gleiche Reaktion wie du. Einen groben Anschiss. Bei mir ging es allerdings nicht um Opferungen sondern um Selbstwert.

    • Alexis Solvey Viorsdottir says:

      Aber wenn ich jetzt noch mal so drüber nachdenke… dann ging es wohl um was ähnliches wie bei dir. Ich habe aus Angst nicht so gehandelt wie ich es für richtig gehalten hätte, sondern auf eine Art um Ihn zu “erfreuen”. Und das ist im Grunde eine Lüge. Und Lügen mag Apollon nicht. Ich kann mir vorstellen, dass auch Loki das nicht mag.

    • Myriad says:

      ja, da hast Du Recht… die Frage nach dem Selbstwert ist wirklich eng damit verknüpft. Ich hab’ hier auch bewusst ein paar Details ausgelassen, die erst einmal dem Gesamtbild nichts Essentielles hinzufügen, und die aber eindeutig auch in die Richtung “Selbstwert” gehen.

  2. kassandrazoe says:

    Die Lektion hatte ich noch nicht,aber mein Bauchgefühl hat mir schon tendenziell so etwas angedeutet…also lieber spontan und mit guter Laune ein paar bunte Schokokugeln, als angenervt und lustlos eine teure Räucherung.

    • Myriad says:

      Ja… “angenervt und lustlos” macht mal eben schnell die schönste Opferung zunichte, das stimmt allerdings!

      Die Götter haben einfach andere Kriterien glaube ich… und wieviel Geld ein Geschenk wert ist, ist da glaube ich zweitrangig (nicht irrelevant, aber alles in Relation!). Es kommt schon eher darauf an, mit welcher Einstellung man an die Sache herangeht. Genervtsein oder Lustlosigkeit ist da sicherlich nicht gerade der Bringer.

      Der Punkt, auf den ich mit dem Post hier auch hinauswollte ist: wenn man mal genervt und lustlos ist — soll ja mal vorkommen — dann ist es völlig okay, mal nein zu sagen (sofern es was Verhandelbares oder nur eine Suggestion ist, wie das bei mir war). Nicht nur “völlig okay”, sondern in so nem Fall ist “Nein” die bessere (richtige) Antwort.

      (Ich glaub’ das ist auch auf vielen Ebenen relativ einfach ersichtlich, ohne dass man gleich ‘ne Abhandlung über Eigenverantwortung draus macht… ich neige ein bisschen zu Abhandlungen, *rotwerd*)

  3. moonfire2012 says:

    Am I reading this right in that the point here is the God wants you to offer something because you WANT to, not because you assume They want you to? That it’s the assumption They want something and you do it out of guilt that gets you in trouble? I know if L’s booze runs out and I can’t afford a replacement for awhile, He’s not gonna get pissed at me, so I offer something else till then.

    • Myriad says:

      Hey hey, look whose German is not bad at all! I was making a point about reasons for not offering, not primarily what’s the “correct” reason for making an offering…. but otherwise, yeah. Assumptions, obligation… That’s pretty much what I was talking about.

      Not guilt or fear of getting in trouble, so much. It’s more subtle than that. And more perfidious, too. Guilt and fear are easy to spot. That other motivation? Not so much…

      Anyhow, congrats, your German could be a LOT worse!

  4. Hallo Myriad,
    danke für diesen Artikel, kann ich nur unterschreiben.
    Wobei ich grundsätzlich das Gefüh habe, dass die Göttlichen etwas “allergisch” darauf reagieren, wenn wir etwas aus “Gefälligkeit” tun, nur weil wir glauben zu wissen, was Sie von uns erwarten (könnten). Sie es ein Opfer, sei es ein Eid, oder oder oder.
    Ich hab die Lektion in Hinblick meiner Gesundheit und meiner Ausbildung ziemlich eindringlich lernen müssen. Da war ich vor etlichen Jahren auch der Meinung, dass ich mich und meine Bedürfnisse hinten an zu stellen hätte, wenn ich eine gute und “ehrvolle” Priesterin sein wollte (naja, gut. Das wurde auch von der Gemeinschaft ernsthaft erwartet in der ich damals war *Augenroll*).
    Ziemlich blöd… Und “damals” hab ich auch nicht auf das Gefühl und auf Sie gehört… Dafür war der Gruppendruck und -zwang zu groß, dass ich damals in der Lage war, mich zu widersetzen.-Und ich war auch psychisch total instabil…

    Naja… Als Sie dann wieder deutlicher auf mich zu traten und mich aufforderten, mich wieder auf meinen Weg zu machen… Hab ich dann das erste Mal den Mut gehabt zu sagen: “Es überfordert mich momentan, ich muss erst Mal mich, meine Psyche und mein Leben in den Griff bekommen und ordnen. Erst dann bin ich fähig, meine Eide zu erfüllen.”
    Ich hatte zwar tierische Angst davor, weil ich befürchtete, dass ich vor Ihnen “in Ungnade” fallen würde…
    Aber das Gegenteil war der Fall. Es kam eher die Rückmeldung von “Endlich hast Du es verstanden.”

    • Myriad says:

      Hi Siat, guten Abend!
      Das kann wirklich sehr gut sein, dass Sie da generell nicht so drauf stehen. Ich bin mit so allgemeinen Aussagen immer (noch) recht vorsichtig, da ich praktisch Null Erfahrung habe. Loki und ich… das ist noch keine anderthalb Jahre alt. Ich kann mir aber sehr gut vorstellen, dass Du da vollkommen richtig liegst.

      Ich glaub’ auch, dass Sie einem durchaus auch mal etwas abverlangen können, was einem schwer fällt oder was man nicht tun möchte. Aber das empfinde ich als eine andere Situation (zu der ich im Übrigen zugeben muss: ich habe das noch nie in wirklich krasser Ausprägung erlebt). Ich würde mir wünschen, dazu sagen zu können, ja, ich würde in so einem Fall gehorchen… aber mit solchen absoluten Aussagen fordert man ja nur geradezu einen Test heraus, und ich glaub’ einen, den man nicht bestehen kann.

      Zur Priesterschaft (ich erinnere aber an meine mangelnde Erfahrung) gehört meines Erachtens auch, dass man dafür Sorge trägt, diese Arbeit auf Dauer machen zu können. Denn, wenn so ein Priester auf einmal umfällt weil er länger Raubbau an sich selbst betrieben hat, dann kann das doch für die Gottheit nicht sonderlich nützlich sein. Kostet schließlich Energie, nen neuen Priester zu finden. (ich mein’ das ernst, also im Kern der Angelegenheit… vielleicht nicht unbedingt in dieser Formulierung).

      Aber das bedeutet, dass ein Priester bzw. eine Priesterin für sich selbst Sorge zu tragen hat, gerade was die Bedürfnisse angeht, die typisch menschlich sind. Da haben die Hohen, wie Du sie nennst, ja nicht immer das allerbeste Augenmaß… kann mir sehr lebhaft vorstellen, dass einem so eine Situation Angst einjagt. Ein Eid ist eine große Sache und nicht aus sich selbst heraus verhandelbar…

      Bin aber froh, dass Du das mit deinen Hohen hinbekommen hast (und dass Sie da ein Einsehen hatten — sowas zu lesen macht Mut)!

      Dann erst einmal gute Nacht
      Myriad

  5. Hat dies auf Dance of the dragon rebloggt und kommentierte:
    Ein Thema zum Nachdenken.

  6. Pingback: Zwei Lektionen über das Opfern (2) | Weaving the Net

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