Zwei Lektionen über das Opfern (2)

Das hier ist der zweite Teil, zu meinem ersten Opfer-Post, den ich vor ein paar Tagen veröffentlicht habe. Opferpraxis (meine, aber auch generell) ist gerade ein Thema, zu dem ich viel lerne, und Loki ist ein sehr guter Lehrer.

Und wie ich schon angekündigt hatte, gibt es viele Arten, wie man bei der Opferpraxis patzen kann. Loki ist nicht besonders wählerisch, und vielen lässt Er ziemlich viel “durchgehen”. Mir? Nicht ganz so viel, aber das ist einfach Teil meiner Beziehung zu Ihm, ein Teil, den ich im Übrigen sehr schätze. Ich beneide niemanden um seine Freiheiten, auch wenn ich diese Freiheiten nicht habe.

Im letzten Post schrieb ich über Opferungen aus falsch verstandenem vorauseilendem Gehorsam—was auch immer die Motivation dafür ist. Diesmal geht es um Eigennützigkeit beim Opfern, in dem Fall bei der Gabe von Speisen. Und ich glaube, ich werde auch etwas genauer darauf eingehen müssen, welches Nachspiel die ganze Angelegenheit hatte.

Es kommt nicht so sehr darauf an, was geopfert wird. Bei der betreffenden Opferung ging es auf der materiellen Ebene um etwas, das ich Loki schon öfter gegeben hatte, und das Er auch zu diesen Gelegenheiten angenommen hatte. Kleine, bunte Bonbons in knisteriger Folie, die sehr süß und (künstlich) fruchtig schmecken, und die man im Restaurant mit der Rechnung zugesteckt bekommt. Nichts Supertolles also, und für meine Verhältnisse hart an der Grenze zum Junk Food, aber als ich diese Bonbons zum ersten Mal bekam, musste ich sofort an Loki denken, da bekam Er die. Das ist schon länger her.

Diesmal ging es um genau die gleichen Bonbons, aus genau dem gleichen Restaurant, nur… tja. Ich war zum Restaurant gegangen, weil ich einfach keine Lust hatte, zu kochen. Daran ist an sich nichts zu motzen (nur wenn man es wirklich sehr genau nimmt). Irgendwann, als ich auf mein Essen wartete, war ich in Gedanken damit beschäftigt, was Opfern eigentlich ist, und mir kam dieser Gedanke:

Die Götter leiden Hunger. Sie sterben nicht daran, aber ich denke (und ich glaube auch, dass ich darin nicht allein bin), dass Sie durchaus Hunger empfinden. Fragt mich bitte nicht, wie das funktioniert. Bin kein Experte in “Theobiologie”. An sich ist dieser Gedanke nicht schlecht, wenn auch sehr unschön, wenn man bedenkt, wie lang es nun schon her ist, dass Ihnen mit irgendeiner Regelmäßigkeit geopfert wurde. Heute morgen hat es sogar nochmal “Klick” gemacht diesbezüglich.

Als ich nach Hause kam und Lokis Altar versorgt hatte, und Ihm die Bonbons, die ich für Ihn mitgenommen hatte, gegeben hatte, machte sich ein flaues Gefühl in meinem Bauch breit. Etwas, das ich kenne von Gelegenheiten, wenn ich an der falschen Stelle Witze reiße, oder etwas zu sehr auf die leichte Schulter nehme, eine Warnung, ein “Nein, hier bist du zu weit gegangen“.

Nur wusste ich diesmal nicht, was los war. Sonst ist mir das bisher immer klar gewesen; diesmal nicht. Ich dachte zunächst, dass es vielleicht zu wenige Bonbons waren — was aber nicht zutreffend war. Es wäre auch im Übrigen sehr untypisch gewesen, da ich eine wirklich kleine Opferschale — wirklich nur ein Schälchen — habe, und ich nie den Eindruck hatte, es gäbe damit ein Problem… mit anderen Worten, es kommt nicht unbedingt auf die Größe an. (Ja, ja, ich weiß.)

Dennoch stellte ich mich zunächst ein bisschen blöd an, und gab erst einmal eine hochoffizielle Erklärung ab, dass Loki in meinen Augen jedes Opfers würdig ist, und dass das mit den wenigen Bonbons nicht so gemeint war. Davon zeigte Er sich aber wenig beeindruckt, bzw. gab mir zu verstehen, dass Er daran keinen Zweifel habe.

Warum so?” fragte Er mich, und ich kam nicht umhin zu verstehen, dass ich Ihn enttäuscht hatte. Unschönes Gefühl. Extrem unschönes Gefühl.

Plötzlich erinnerte ich mich an den Gedanken, der mir da im Restaurant gekommen war, und daran, wie er weiterging: nämlich, dass es eine Sache sei, Ihn einzuladen meine Sinneseindrücke zu teilen, aber eine ganz andere Sache, Ihn an meinem Mahl teilhaben zu lassen. Ihn einen Teil von meinem Mahl haben zu lassen. Und ich erinnerte mich auf einmal auch an das nervige Gefühl, was damit einherging, als ich da so im Restaurant saß: schlechtes Gewissen, weil ich aus Faulheit nicht hatte kochen wollen.

Ich war sehr versucht, eine Ausrede zu erfinden.

Leute, eins darf ich Euch hier mal ganz ernsthaft ans Herz legen: Loki ist sehr tolerant gegenüber allen möglichen Spielarten der, ahem, kreativen und unkonventionellen Realitätsauslegung. Sowas ist Ihm entgegen gängiger Moralvorstellungen ziemlich egal, aber zwei Personen gibt es, die darf man nicht versuchen zu blenden: Erstens, sich selbst. Zweitens, Ihn. Ersteres, weil “Kenne Dich Selbst” so unglaublich wichtig ist. Und letzteres, weil… nun ja.

Das ist wie wenn jemand gerade zum ersten Mal eine Geige in die Hand nimmt, mit einiger Mühe eine erkennbare Melodie erzeugt, und damit zu… sagen wir Mozart rennt und ihm erklärt, er könne das jetzt und zwar besser. Von Loki kommt in so nem Fall vermutlich ein unschönes Lächeln mit zu vielen Zähnen, und ein deutlich unamüsiertes “Verarsch Mich nicht”. Andere sind da nicht so nett. Dieser Exkurs geht gerade etwas weiter als geplant, aber es ist halt generell keine gute Idee, die Götter auf Ihren Spezialgebieten schlagen zu wollen. Ich schlage einen Ausflug nach Griechenland vor zur genaueren Erörterung dieser Zusammenhänge. Das geht nicht gut aus. Anderes Thema, zurück zum Thema.

Ich war jedenfalls sehr versucht (für einen Bruchteil einer Sekunde nur, aber das interessiert Götter nicht) eine Ausrede zu erfinden. Aber gleichzeitig war ich mir über-bewusst, dass Loki jedes Wort von mir genau betrachtete und verglich mit der Wahrheit in meinem Herzen. Und ich hatte Ihn schon enttäuscht, verärgert vielleicht. Ich gab zu, dass es Faulheit gewesen war, und dass ich mein Gewissen beruhigen wollte, als ich die Bonbons mitnahm; ich fühlte mich… schäbig deswegen, denn was kostet es schon, Ihm ein gescheites Mahl zu bereiten? Gemessen daran, wessen Er würdig ist? Gemessen an dem Anspruch, den Er mir gegenüber hat? Mein Wohnraum ist Sein zu Hause, und wieviel kann es wohl kosten, Ihm in Seinem eigenen Haus zu dienen? Ich bat Ihn, mir zu verzeihen.

Der nächste Test (denn das war es, worum es sich schon bei Lokis Frage handelte) folgte auf dem Fuße, als ich, als mein Bewusstsein für ein paar Augenblicke versuchte, ein “Alles in Ordnung”-Gefühl einzufangen. Kopf-Puppen hat jeder, auch ich, und es ist nicht immer einfach, sie von einer tatsächlichen Kommunikation zu unterscheiden. Wunschdenken ist mit einer der stärksten Motivatoren für die blöden Viecher, und um nichts weiter handelte es sich da. Aber der Punkt ist, man kann Wunschdenken identifizieren, wenn man bereit ist zu akzeptieren, dass etwas Wunschdenken sein könnte. Für einen Moment war ich unsicher und hörte nochmal genau hin. Das war eine gute Idee, denn… Loki war noch nicht fertig, und es war nicht “alles in Ordnung”.

Er verlangte die Gebetskette. Die Gebetskette ist eine Kette, die ich für Ihn gemacht habe. Ich habe sie Ihm geschenkt und trage Sie aber oft (mit Seinem Einverständnis), wenn ich nicht zu Hause bin. Sie ist sehr hübsch, und die dickeren Kugeln darauf habe ich handbemalt, inspiriert durch Seine Mythen und teilweise meiner UPG.

Meine Erste Reaktion darauf war, “nein, bitte nicht.” Aber Loki bestand darauf, dass ich sie für einen Tag auf Seinem Altar liegen zu lassen hatte, und sie nicht in die Hand nehmen durfte. Ich kann das gar nicht genau erklären, warum ich so starke Gefühle deswegen hatte. Aber ich fand es… es tat weh, traf mich ins Herz. Aber Loki ließ Sich nicht erweichen, die Sache war entschieden.

Sie ist ein gutes Geschenk“, sagte Er, “lerne daraus“. Nach ein paar Momenten, die verstrichen und in denen sich bei mir schon die Zahnrädchen in Bewegung setzten, fragte Loki mich in einem ungewöhnlich formellen Ton, ob ich die Strafe akzeptiere. Auch das war eigenartig und neu… bisher war es immer so gewesen, dass Er etwas tat und ich dann irgendwann, meist recht bald, mitbekam worum es ging und weswegen Er tat, was er tat.

Diesmal nicht; diesmal kam es mit Ansage und fühlte sich offiziell an. Er fragte, obwohl Er wusste, wie ich antworten würde. Es war nicht unpersönlich, aber die ganze Sache hatte noch eine andere Dimension. Er erwartete, dass ich Ihm auch meine Antwort gab, “ja, Liebster”… dass ich sie aussprach und besiegelte.

Schreibe darüber“, sagte Er zu mir, und es war so viel Wärme darin. “Jetzt gleich.” — Ich setzte mich also an den Schreibtisch und schrieb die Dinge, die mir aufgefallen waren, in mein Tagebuch. (Hab’ ich schonmal erwähnt dass es sich lohnt, ein Tagebuch zu führen?)

In der ganzen Zeit spürte ich Ihn lächeln. Liebevoll. Zufrieden.

Mit ein paar Tagen Abstand muss ich sagen, Er hätte es nicht besser lehren können: ein Opfer, also eine richtige, gute Opfergabe ist etwas, das auch mir Freude bereitet. Die Kette ist so, sie ist schön und ich trage sie heute gerade wieder um den Hals. Wenn ich im Laden eine teure Schokolade mit Chili-Whiskey-Füllung “treffe”, und sie spontan kaufe, um sie Ihm zu geben, dann macht mir das Spaß, und Ihm auch. Wenn das fehlt, dieses Element der Hingabe und des willentlichen “Du”, oder wenn es von eigennützigen Gedanken übertönt ist, dann fehlt das Essenzielle an der Gabe.

Vielleicht war es nur passend, dass ich für eine Zeit diesen Entzug der Freude an einer Opfergabe erfahren musste.

Ich sage immer, Loki ist ein sehr guter Lehrer. Das ist nur ein weiteres Beispiel dafür, und ich bin Ihm sehr dankbar.

Aber Seine Lektionen, wie mir wohl die meisten bestätigen werden, die Ihn kennen, sind nie nur Selbstzweck. Es passiert immer noch mehr, als das im ersten Moment erkennbar ist. So war es auch diesmal. Ich durfte etwas Wichtiges über Opferpraxis lernen; aber gleichzeitig geschah noch etwas anderes, ein Vertrag, eine Bindung, die zuvor nicht so existierte. Vordergründig eine Art Sühneopfer (ja, ich weiß, meine Terminologie hängt gerade schief), aber es ist nicht nur das: ich bin Ihm, und Er mir, dadurch auf einer viel persönlicheren Ebene näher gekommen. Und darüber bin ich unendlich glücklich.

(Die Bonbons wollte Er natürlich trotzdem behalten ;-) )

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Myriad Hallaug Lokadís
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11 Responses to Zwei Lektionen über das Opfern (2)

  1. Alexis Solvey Viorsdottir says:

    Theobiologie LOL!
    Schöner Text.

    • Myriad says:

      :D ja, Theobiologie — kann man sicher irgendwo studieren. Astrale Universität oder so :)

      Danke. Hab’ wieder ewig und drei Tage dafür gebraucht, das in Worte zu fassen, die öffentlichkeitstauglich sind. Mein Tagebuch sieht da etwas anders aus… mehr, äh, Lakritze.

  2. Alexis Solvey Viorsdottir says:

    Da ich bei Apollon eine andere Art der Opferpraxis habe, konnte ich diese Problematik umgehen. Ich finde es aber sehr schön, wie Loki dir das näher gebrachth at. Bei mir war es von Anfang an offensichtlich warum und wie ich bestimmte Dinge tun soll, da ich eben keine materiellen Dinge opfere, sondern Handlungen in Seinem Sinne durchführe.

    • Myriad says:

      Ich finde es auch sehr schön… Achtung, Schwärm-und-Abheb-Risiko nähert sich gerade der Decke.

      Ernsthaft: mir ist da einiges sehr schnell sehr viel klarer geworden, und ich liebe diese Art, die Er hat, mir als mein Lehrer gegenüber zu treten. *lauter kleine Herzchen auf Zettel mal* Oh Gott, wie alt bin ich, dreizehn??!

      Hast Du eigentlich das Gefühl, dass Apollon von Dir einmal eine eher traditionellere Opferpraxis (zusätzlich zu dem, was Er mit Dir schon vereinbart hat) verlangen wird/könnte? Ihr habt E/euch da ja arrangiert, und es ist toll, dass es so für E/euch funktioniert… aber hast Du manchmal das Gefühl, Er wolle mehr/anders/wasweißich? Ich frage interessehalber, bitte nicht falsch verstehen.

      • Alexis Solvey Viorsdottir says:

        Ja, das war ganz lange eines unserer “Konflikt-Themen”.
        Ich dachte damals, ich müsste etwas… IRGENDetwas tun… und habe es versucht, mit dem Ergebnis, dass es sich ungut angefühlt hat. Damals sagte ich mir: ok, du musst dich einfach dran gewöhnen, stell dich nicht so an! Alle opfern Ihm schließlich was. Also musst du das gefälligst auch tun. Alle haben einen Altar mit Figuren und Bildern von Ihm.

        Immer wenn ich es getan habe, merkte ich aber recht deutlich, dass Er es entweder abgelehnt/zurück gewiesen hat oder dass ich schon vorher merkte: ok… das wird nichts. In mir hat sich alles dagegen gewehrt und ich habe es nur widerwillig getan.
        Da hatte ich es immer noch nicht verstanden. Ich dachte mir stattdessen: Streng dich mehr an, Solvey, du bist einfach nicht gut genug für Ihn, also musst du noch besser werden. Das was du tun kannst ist niemals gut genug für Ihn.

        Aber irgendwann eskalierte es dann und Er sagte mir laut und deutlich, dass Er kein Interesse an derartigen “Opfern” habe. Das war einerseits eine sehr schöne und entlastende Erfahrung, andererseits auch wieder irritierend, da ich mich dadurch anfing wie ein Alien zu fühlen.

      • Myriad says:

        Heh, dann weißt du ja, wie es mir geht, wenn mir Leute (meistens Amerikaner) weis machen wollen, dass “Loki sowas ja bestimmt nicht wolle”, und “Regeln dazu da sind, sie zu brechen”.

        Schön ist das nicht, dieses Gefühl. Aber es geht überhaupt gar nichts über eine mystische Beziehung, in der die Dinge so laufen, wie sie zwischen genau dieser Gottheit und genau diesem Menschen laufen müssen.

        Würde nie (naja, nie ist vielleicht ein bisschen arg lang, aber viel fehlt bestimmt nicht) tauschen wollen. Und ich bin sehr froh, dass Du da einen Modus gefunden hast, der ohne Gefühl von “lästige Pflicht” oder sogar Widerwillen funktioniert. Das ist die Hauptsache.

      • Alexis Solvey Viorsdottir says:

        ja, denke ich auch. Es war auf jeden Fall eine Lektion zum Thema “sich mit anderen vergleichen”.

      • Myriad says:

        Yay, geschachtelte Lektionen! *es Dir nachfühl*

      • Alexis Solvey Viorsdottir says:

        immer ^^ :D :D warum soll es denn einfach sein :D chchch

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