Opferungen als Nahrung — ein Addendum

Nun sind meine letzten beiden Beiträge zum Thema Opferpraxis schon wieder ein paar Wochen, oder zumindest einige Tage her. Es ist in der Zwischenzeit so einiges passiert, was damit nichts zu tun hat, aber ich finde das Thema Opferpraxis sehr wichtig, sodass ich da doch nochmal nachhaken möchte.

Es soll um das Thema Speise- oder Trankopfer, und zu einem gewissen Grad um das Thema Blutopfer gehen.

Das im Folgenden Beschriebene drückt mein Verständnis der Dinge aus; ich bin mitnichten Experte in Opferetikette, wie Euch unschwer an den beiden anderen Posts aufgefallen sein wird — wenn irgendwo ein Fettnäpfchen steht, dann wisst Ihr ja, wo Ihr am besten nach mir suchen könnt. Nochmal: ich bin kein Experte! Ich bezeichne mich nicht so, und was ich weiß, hat sich aus persönlichen Interaktionen so ergeben. Es gilt also: das war alles erst einmal für mich bestimmt, und hat demnach für mich eine Wichtigkeit und Bedeutung. Darüber hinaus kann ich nur hoffen. Inwieweit diese Bedeutung also übertragbar ist, muss natürlich Euch überlassen sein! Ich möchte Euch hiermit nur an meiner Perspektive Teil haben lassen.

Ich fühle mich leider aufgrund gewisser Community-Querelen (bei den Amerikanern) dazu genötigt, derartiges von mir zu geben. Leider. Aber da es halt auch nicht das Gelbe vom Ei ist, ganz fernab von jeglicher Gemeinschaft ausschließlich mein eigenes Süppchen zu kochen, muss ich mich halt mit sowas befassen.

Was ich also ausdrücklich sowas von gar nicht will, ist irgendwem vorzuschreiben, wem, wie, oder was er oder sie zu opfern hat.

Ich bin persönlich für Speiseopfer, und praktiziere sie regelmäßig. Ich weiß, dass es in meinem spirituellen Kreislein ein paar Leute gibt, die keine Speiseopfer bringen können, ein paar, die es nicht wollen, und ein paar, die es aus sonstigen Gründen ein wenig seltsam finden. Ich würde mich jedenfalls sehr freuen, wenn jemand hier liest und denkt, hey, vielleicht ist das doch nicht so albern. Aber wenn nicht, dann ist das auch okay.

Die Thematik des letzten Opferpraxisbeitrags enthielt einen eher zufälligen gedanklichen Ausflug in die “Theobiologie” — den Gedanken, dass die Götter Hunger empfinden können, und dies auch tun.

Da liegt doch eigentlich der Gedanke nahe, dass Speise- und Trankopfer besondere Opfer sind, oder? Schulden wir Ihnen also in besonderer Weise solche Opfer? Ich glaube schon. Nicht, weil die Götter einen materiellen Körper haben, den Sie ernähren müssen, sonder weil Essen und Trinken für uns essentiell ist.

Ich glaube, dass Speise- und Trankopfern eine sehr urtümliche Kraft innewohnt. Die Speisen und Getränke, die wir aufnehmen, halten uns am Leben, und genau deswegen enthalten sie eine ganz besondere Art der “Energie” — die Art, die nicht in Kilojoule gemessen wird. Speisen und Getränke sind “aufgeladen”(?) mit der Intention, zu nähren: Wir wissen, dass Brot und Butter nähren, und dass Wasser unseren Durst löscht, und deswegen wohnt ihnen diese Energie inne.

Es gibt an dieser Stelle keinen Unterschied zwischen diesem Wissen, und dem Wissen eines Magiers, der sich eines Werkzeugs bedient, um einen bestimmten Effekt zu erzielen. Auch der Magier weiß, dass seine Handlung den gewünschten Effekt hat, erst damit ermöglicht er ihn.

Ein Kunstwerk, ein liebevoll gestaltetes Bild, ein Blog-Artikel, ein Brief, Zeit, ein Musikstück, ein Gedicht, ein Tanz… all das sind Opfergaben, die hoch geschätzt sind. Zumindest gemäß meiner Erfahrung. Es ist ein ganz besonderes Gefühl, ein Geschenk für eine Gottheit auf dem Altar zu platzieren und zu spüren, dass die Gottheit dieses Geschenk annimmt und schätzt. Es ist ein ganz besonderes Gefühl, vom Tanzen atemlos auf dem Boden zu sitzen, den eigenen Puls zu spüren und zu wissen, dass die Gottheit an jeder Bewegung, an jedem Tropfen Schweiß auf der Haut, Teil hat.

Aber Speise- und Trankopfer haben eine noch urtümlichere Kraft. Die Götter wollen solche Opfer — aus Liebe, Ehrerbietung, Dank. Denn ich glaube, Sie haben Hunger, und ich glaube, dass die Menschen das früher gewusst haben.

Noch essentieller sind, denke ich, nur Blutopfer. Blut ist etwas, das ich persönlich noch nicht geopfert habe, insofern beschränken sich meine Ausführungen selbstverständlich auf die Theorie. Das nur als Caveat voraus.

Blut ist Leben. Nahrung erhält Leben, doch Blut ist für uns psychologisch so eng mit Leben verknüpft, dass es selbst zum Symbol dafür wird. Wir wissen natürlich heute viel mehr als früher über den Stoffwechsel und darüber, wie Lebenserhaltung funktioniert. Aber dennoch ist der Austritt, der Verlust von Blut für uns assoziativ mit der Verletzung und Bedrohung, und dem Verlust von Leben verknüpft.

Nicht nur das: im Blut befindet sich die Essenz dessen, was wir als Nahrung aufgenommen haben; Nährstoffe, Flüssigkeit, Sauerstoff, Energie. All das was Nahrung schon enthält (mit der Ausnahme des Sauerstoffs, den wir durch Atmung zu uns nehmen, ich weiß!) ist im Blut enthalten, nur konzentriert und in reinerer Form.

Deswegen sind Blutopfer sehr machtvolle Opfer. Deshalb binden Blutopfer, ob sie im Rahmen eines Eides stattfinden oder nicht. Man gibt von seinem Leben an die Gottheit. Die Gottheit hält durch das Blutopfer einen Teil unseres Lebens in Ihrer Hand.

Eure Gedanken? (Die Kommentarzeile will auch gefüttert werden ;-) — sorry, der musste sein.)

Advertisements

About Myriad

Myriad Hallaug Lokadís
This entry was posted in Devotional Practice, German and tagged , . Bookmark the permalink.

4 Responses to Opferungen als Nahrung — ein Addendum

  1. Alexis Solvey Viorsdottir says:

    Es gibt Gruppen die lehnen generell Opfer ab, da sie (für mich nachvollziehbar) sagen: wenn alles von der großen (Mutter)Göttin kommt, wenn alles Sie ist, dann ist es irgendwie dumm, Ihr etwas von sich selbst zu geben. Es ist z.B. ein Verbrechen Blumen abzuschneiden und sie Ihr hinzulegen oder Nahrungsmittel.

    Andererseits sind eben nicht alle Göttinnen und Götter in so einer Position wie jetzt z.B. Gaia. Normalerweise mögen sie Dinge, die für uns wichtig und wertvoll sind. Daher auch so sachen wie Zucker/Honig/Schokolade, Tabak, Alkohol, Blut/Fleisch… das waren früher Dinge die man nicht einfach so weggeworfen hat.

    Ich musste mich im Rahmen meiner Arbeit mit Apollon u.a. mit Blut- und Tieropfern beschäftigen. Wie du weißt, bin ich Vegetarierin, daher war das ganz schön kompliziert. Und es ist tatsächlich so, dass Er das von manchen (nicht von allen) Leuten “erwartet”. Allerdings nur dann, wenn es mit dem persönlichen, moralischen Weltbild zusammen passt. Das heißt, Apollon würde von einem völlig überzeugten Veganer eher nicht verlangen ein Tier zu töten. Oder Blut ins Feuer zu kippen, wenn einem davon übel wird und man sich übergeben muss.

    Als ich mit Seinem Aspekt als Rotting God konfrontiert wurde und las, dass man Ihm zu Ehren Tiere auf dem Altar verwesen lies, musste ich erst mal angewidert das Gesicht verziehen. Aber Er ließ da nicht locker und ich musste mich damit auseinander setzen. Was kann ich nachvollziehen, was nicht? Viele gehen gedanklich gar nicht so weit. Meistens hört es ja schon bei einfachen Speiseopfern auf. Nicht falsch verstehen, ich propagiere hier keine Tieropfer oder so was.

    Aber in der Antike waren die eben völlig normal, wenn man es sich leisten konnte. Tiere bedeuteten Reichtum, Essen… davon etwas abzugeben, war eben genau die von dir oben erwähnte Geste. Allerdings wurden Opfer (zumindest bei den Römern und Griechen) meistens dann gemacht, wenn man im Austausch was zurück wollte. Es gab diese alltäglichen Opfer für Hestia und die Hausgötter. Und dann gab es die, wo man Segnung und Schutz erwartete. Zu den Germanen kann ich diesbezüglich nichts sagen.

    Mir ist klar geworden, dass die Götter meistens die Opfer am stärksten ‘belohnen’ oder honorieren, für die man sich wirklich bemüht und ehrlich angestrengt hat. Oder bei denen es weh getan hat es zu geben, man es aber trotzdem aus freien Stücken und mit offenem Herzen getan hat. Das ist dann aber mehr eine Art Tauschgeschäft.

    Ich finde es normal mein eigenes Haar (Lebenskraft) und mein Blut (ebenso) zu opfern wenn ich irgendwas Besonderes ausdrücken möchte. In Frauenspirit-Kreisen ist es z.B. auch normal Menstruationsblut zu opfern. Es gibt Götter die wollen Sperma, Spucke und sonstige Körpersekrete.

    Zumindest bei Apollon weiß ich, dass Er von mir manches erwartet, dass Er nicht von allen anderen erwartet. Vielleicht bin ich aber auch im Kopf irgendwie hardcore drauf oder so, keine Ahnung *lol*.

    • Alexis Solvey Viorsdottir says:

      boah sorry für all die Rechtschreibfehler. Mein Gehirn ist heute einfach nicht klar.

    • Myriad says:

      wow, ein echt toller, ausführlicher Kommentar! (Die Kommentarzeile dankt) — werde leider erst spät dazu kommen, wirklich drauf einzugehen, aber ich danke Dir für die Gedanken!

    • Myriad says:

      Sooo… irgendwie weiß ich jetzt gar nicht so recht, wo ich anfangen soll. Du bist ja meiner Aufforderung, die Kommentarzeile zu füttern, mehr als gerecht geworden :) … und jetzt fällt mir die Antwort gar nicht so leicht.

      wenn ich jetzt mal von oben anfange… dann kann ich das mit Mutter-Erde-Göttinnen (z.B. Gaia) schon irgendwie nachvollziehen. Aber nicht alle Gottheiten sind so, wie Du ja auch schon sagst — irgendwie dachte ich beim ersten Mal lesen gleich in super-allgemeinen Kategorien und wollte gleich contra geben, dass nicht jede Göttin so eine Muttergöttin ist, blah-di-blah, aber das hast Du ja selbst schon gesagt.

      Ich weiß gar nicht, wie ich zu Tieropfern stehe. Als Mensch, der zumindest hin und wieder mal Fleisch isst, wäre es ja schon mit zweierlei Maß gemessen, wenn ich mit dem Töten eines Tieres ein moralisches Problem hätte. Ich glaube, ein Tier zu opfern ist jedenfalls nicht moralisch verwerflicher, als einen Burger zu essen, soweit es das Tier betrifft. Weniger, wenn überhaupt. Dennoch weiß ich nicht, wie zeitgemäß Tieropfer dieser Art wären. Früher war das anders, da hielt man Tiere um sie zu schlachten und zu verarbeiten — heute, da müsste ich erst einmal ein Tier irgendwo erstehen, um überhaupt eins zu haben.

      Dann müsste ich irgendwo Leute zusammentrommeln (denn bei Tieropferungen wurde das allermeiste von den Leuten gegessen oder sonst verarbeitet, nur ein Teil wurde den Göttern geopfert). Da kommt schon das nächste Problem auf… und so fort. Es wäre halt etwas, das vollständig aus jeglichem Rahmen fällt, den mir mein tägliches Leben vorgibt. Ich bin kein Bauer, habe also keine Tiere, weiß auch nicht, wie man Leder gerbt, oder sonst irgendwelche Teile von Tieren verarbeitet. Und eine ganze Kuh bekomme ich auch nicht gegessen, auch nicht, wenn ich alle einlade, die ich kenne und die an sowas teilnehmen würden.

      Tieropfer dieser Art haben ihren Platz in einer Gesellschaft, die in so vielen Dingen einfach grundsätzlich anders funktioniert, als es die heutige tut.

      Götter, soweit ich es verstanden habe, schätzen DInge, die für uns von Wert sind. Eben Dinge, die man nicht so einfach wegwirft, wie Du ja sagst. Und das ist, im Angesicht der heutigen Konsum- und, tja, Wegwerfgesellschaft, eigentlich immer weniger. Konsumverzicht ist etwas, in der Hinsicht ein Gefühl für den Wert der Dinge aufrechterhalten oder wieder herstellen kann. *find* Oder zumindest zu versuchen, nicht zu viel Müll zu produzieren, oder zu konsumieren. Darunter fällt für mich auch das allermeiste, was es an Medienbeschallung gibt, insbesonder TV und Radio.

      Die Opferpraxis gedanklich nachzuvollziehen, finde ich sehr wichtig. Und dass das nicht einfach ist, kann ich bestätigen. Ich würde mich zum Beispiel sehr interessieren, ob Dein Mann sich damit befasst oder befasst hat… ich meine, Odin hat ja nicht “nur” Tieropfer erhalten damals.

      Das mit dem gedanklichen Vollzug ist auch für die eigene Praxis wichtig, sonst ist es ja nur ein bisschen Essen auf ein Teller legen und den Teller auf ein Möbelstück stellen. Das englische “sacrifice” sagt ja ursprünglich nur aus, dass man etwas “heilig macht” (to make sacred). Das trifft den Kern der Sache eigentlich ganz gut. Warum das Wort heute gleichbedeutend mit “Entsagung” benutzt wird, weiß ich noch nicht mal wirklich..

      Generell stimmt das, was Du übers Tauschgeschäft gesagt hast, auch mit den Opferbräuchen der germanischen Heidentümer überein. Ich glaube sogar, dass das ein Paradigma ist, das man in allen Polytheismen findet. Man interagierte mit konkreten Gottheiten über konkrete DInge… dieser hohe Abstraktionsgrad, den wir heute kennen, ist glaube ich erst mit den Monotheismen aufgekommen.

      An dieser Stelle würden vermutlich Mainstream-Heiden die Havamal zitieren, dass man lieber gar nicht als zu viel opfern solle, denn jede Gabe verpflichtet zur Gegengabe.

      Das Prinzip Gebo (oder Gyfu, oder was auch immer, du weißt schon, die Rune die aussieht wie ein X) ist also auch etwas, was im germ. Heidentum relevant ist (sonst gäbe es wohl die Rune auch nicht). Wie es für mich persönlich funktioniert, kann ich aber gar nicht sagen. Ich habe diesen formalen Rahmen — ich gebe Dir, auf dass Du mir gibst (der Lateiner würde sagen “do ut des”) — nicht wirklich bewusst in meiner Praxis. Am Ende kommt es vielleicht hin. :) Wer weiß.

      Was besondere Anlässe angeht, und besondere Opferungen (Blut, et cetera)… hab ich noch nicht, aber das will ja nicht sagen, dass das nicht irgendwann noch konkret wird. Ich bin mir ziemlich sicher, Du kannst Dir vorstellen wovon ich spreche. So ähnlich wie das mit dem Haar, was Du erwähnt hast. Bist ein bisschen hardcore drauf im Kopf, aber das finde ich sympathisch. Ich hab’ etwas mehr Scheu, aber nicht weil ich den Gedanken “eklig” oder sonst irgendwie “problematisch” finde. Ist halt ein Schritt, der bewusst gegangen werden möchte :)

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s