Baldrs und Lokis Geschichte: Teil I

Baldr war ein junger, ein schöner Gott. Seine Augen strahlten wie die sanfte Morgensonne auf einer Schwertklinge, und er bewegte sich mit der Sicherheit der Nacht, die über die Kuppe eines Bergs ins Tal fließt. Viele sprachen seinen Namen mit Bewunderung, wenn sie von gemeinsamen Abenteuern, Spielen, Jagden und Kämpfen berichteten. Denn Baldr war ein mutiger und geschickter Kämpfer, der von vielen geliebt wurde.

Eines Tages jedoch geschah es, dass Baldr verwundet wurde, und überall, wo sein Blut die Erde berührte, begann alles, was dort wuchs, zu sterben. Das Gras verdorrte, Moos vertrocknete; Bäume auf deren Wurzeln Baldrs Blut gefallen war, warfen ihre Blätter ab und wurden weiß wie Knochen. Baldr wurde sehr traurig, als er sah, was geschah, und die, die dabeistanden, schwiegen und sahen weg.

Nach einer Weile hörte Baldrs Blut auf zu fließen, und am nächsten Morgen waren anstelle der alten Bäume neue gewachsen, und junges, frisches Grün guckte zwischen den verdorrten Ästen und Zweigen hervor. Neue Knospen standen vor der Blüte, und wo Baldrs Blut in den Wasserlauf gefallen war, tummelten sich Fische.

Und die Götter vergaßen, was sie gesehen hatten. Sie vergaßen Baldrs Blut und das Sterben, und sogar seine Verwundung vergaßen sie. Sie sprachen nun Baldrs Namen mehr denn je voller Bewunderung und Stolz, als sie bei Speise und Trank zu berichten wussten, dass keiner je Baldr auch nur einen Schnitt zugefügt hatte.

Alle vergaßen, was geschehen war. Nur Baldr… Baldr fing langsam an, sich zu erinnern. Zunächst fragte er sich nur, woher die Narben in seiner Haut stammten, wenn ihn noch nie eine Verletzung ereilt hätte. Dann begannen Bilder von leblosen Landschaften und verrottendem Fleisch seine Träume zu plagen, und Baldr schlief immer schlechter. Eine große Einsamkeit umgab ihn, den alle so bewunderten. Und eines Tages erinnerte er sich, und er bekam große Angst.

Er fing an, die anderen Götter und Göttinnen zu fragen, was die Ursache für dieses Sterben sei, und für das Vergessen, und was er tun müsse, um dem ein Ende zu bereiten. Keiner konnte ihm eine Antwort geben, und es schien sogar, als hätte er Mühe, einen zu finden, der sich seine Fragen anhörte. Keiner half ihm, oder konnte ihm sagen, was es bedeutete — nicht einmal Frigga, die Baldrs Mutter war und eine große Weisheit besaß. Sie alle schwiegen, und Baldr hätte bald auch geschwiegen, wäre er nicht so zornig geworden.

Er schnit sich selbst eine Wunde und ließ sein Blut zu Boden fallen, als er über die weite Ebene lief, und in den Wald hinein.


Im Wald fand ihn Loki, der seiner Spur gefolgt war. Als Baldr Lokis spöttisches Lächeln sah, fuhr er wütend auf.

“Was willst du von mir?” rief er dem Sohn der Laufey zu. “Hast du dich an meiner Misslage noch nicht sattgesehen?”

Lokis Lächeln wurde zu einem Grinsen, aber sonst erwiderte er nichts.

“Du warst es doch am Ende selbst, der mich mit einem Zauberbann belegt hat!” beschuldigte Baldr Loki, denn der war für nichts so bekannt wie für seine waghalsigen, und nicht immer gutmütigen Streiche. “Ihr steckt doch alle unter einer Decke und belustigt euch an meinem Unwissen.”

Als er dies hörte, verschwand das Grinsen aus Lokis Gesicht. “Genug!” unterbrach er, und kam auf weichen, katzengleichen Schritten näher. “Genug davon”, sagte Loki nochmals leise, “du weißt doch nicht, was du da sagst.”

Wie ein Raubtier seine Beute umkreiste Loki Baldr. “Du willst Wissen?” Loki wartete keine Antwort ab. “Du weißt nicht einmal, was das ist! Ich kann dir geben, was du willst. Ich kann dir zeigen, was das alles hier bedeutet”, sprach Loki und deutete auf die Spur sterbenden Grüns um Baldr herum. “Aber du wirst nicht mögen, was ich dir zu sagen habe.”

“Warum soll ich dir zuhören, Loki? Deine Worte sind Lügen, das weiß jeder!”

“Aber du willst es besser wissen, als ‘jeder’, oder etwa nicht?” erwiderte Loki, von Baldrs Anschuldigung völlig unbeeindruckt. “Du willst ergründen, was sich hinter den Mauern aus Schweigen und den sich auftürmenden Haufen wertloser Worte verbirgt. Oder etwa nicht?”

“Du müsstest mich einen Lügner schimpfen, wenn ich es nicht zugäbe”, sprach Baldr widerwillig. “So sag es mir, wortschneller Ase, sag mir, was ich von dir wissen will.”


Loki wies Baldr an, einen Ast von einem toten Baum abzubrechen, und ihn zu Asche zu verbrennen. Baldr tat, wie Loki ihm geheißen hatte, und als das Feuer heruntergebrannt war, griff Loki in die heiße Asche hinein und zog daraus einen Trieb hervor. Der Trieb wuchs und schlug Wurzeln und wurde zu einem zarten, jungen Stamm. Dies alles zeigte Loki Baldr, ohne den Blick von ihm abzuwenden.

“Hier. Sieh dich an”, sagte Loki.

Baldrs Augen folgten Lokis, und mit furchterfülltem Blick sah er auf den neuen Baum. “Nein”, schüttelte er den Kopf, “nein, das kann nicht sein…”

Loki packte Baldr am Arm. “Sieh hin, Baldr! Sieh ganz genau hin. Das hier ist es, was jeder weiß, aber wovon keiner etwas wissen will — und ginge es nach manchen, so wüsstest du als allerletzter davon!”

Baldr sah in Lokis wildes Gesicht. “Ich werde sterben, nicht wahr?” flüsterte er, und berührte den neuen Stamm. “Ich muss…”

Loki nickte. “Und ich werde es sein, der dich tötet.”

Stille fiel zwischen die beiden Götter.

“Die Welt ist noch jung”, sagte Loki. “Aber sie wird es nicht für immer bleiben.”


Teil II

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3 Responses to Baldrs und Lokis Geschichte: Teil I

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