Baldrs und Lokis Geschichte: Teil III

Teil I | Teil II


Als Baldr fortgegangen war, ging Loki auf Wanderschaft. Lange irrte er, der mehr Wege zwischen den Orten kennt als so viele andere, ziellos umher. Eine Furcht trieb ihn immer weiter, die ganz tief aus seinen Knochen zu kommen schien. Kein Weg, den er ging, kein Fluss, und keine Brücke, die er querte, keine noch so lange durchwanderte Nacht, ließ Loki sie hinter sich lassen. Im Gegenteil: sie wuchs mit jedem Tage heran, wurde größer und größer, ehe Loki nicht tat, was er tun musste.

Er wollte Gewissheit, doch gleichzeitig fürchtete er sie noch mehr, als er die Furcht vor ihr fürchtete.

Loki wanderte lange Jahre, aß nichts, und trank nur wenig. Doch am Ende war er so erschöpft, dass er keinen einzigen weiteren Schritt mehr tun konnte. Er hatte vergessen, wo er war. Es gab nur noch ihn, und seine stille Begleiterin.

Da endlich wandte er sich an sie, und dankte ihr. Ein letztes Mal zeigte sie sich in ihrer vollen Größe, die überwältigend war, und ging dann davon und ließ ihn allein.

Loki indessen entzündete ein Feuer, schnitt etwas Holz und ritzte eine Zauberrune hinein. Er zögerte nun nicht mehr, sondern sprach ein Wort darüber, und warf sie dann in die Flammen. Als das Feuer begann, an dem Holz zu zehren, kniete Loki sich auf den Erdboden und sah tief in die Flammen hinein, und in das Muster seiner eigenen Schicksalsfäden.

Von den Nornen erwartete er kein Mitgefühl, und sie gaben ihm keines. Aber sie gewährten ihm einen Einblick, und was er sah, gab ihm endlich die Gewissheit dessen, was er zuvor nur geahnt hatte.

Als das Feuer ausging, war Loki nicht mehr ganz der Alte. Er hatte in seine Zukunft, seine Zukünfte, geschaut, und er erkannte, dass er seine beharrliche Wegbegleiterin wieder treffen würde. Aber vor diesem Treffen hatte er nun keine Furcht mehr; nur Gewissheit.


Odin wusste, dass Frigga ihm etwas verheimlichte. Doch sie ging ihm aus dem Weg, so dass er keine Möglichkeit fand, hinter ihr Geheimnis zu kommen. “Lass uns später darüber reden”, sagte sie und schob immer etwas anderes vor, was sie noch dringend zu erledigen hätte.

“Ich muss nun die neue Milchmagd mit allem vertraut machen”, war es an diesem Tag.

Vielleicht, wenn Odin hingesehen hätte, wäre ihm an der Magd etwas Vertrautes aufgefallen, ein ungewisses Gefühl, sie schon einmal gesehen zu haben. Doch er sah sie nicht an, denn sie schien ihm unwichtig.


Baldr sprach mit niemandem darüber, was sich zwischen ihm und Loki zugetragen hatte. Er war es nicht gewohnt, zurückgewiesen zu werden, und war in gleichem Maße erschrocken und beschämt darüber.

Aber Loki war verschwunden, und niemand wusste wohin, denn nicht einmal Odins Rabenvögel konnten Kunde darüber bringen.

Unterdessen gewann man den Eindruck, Baldr sei wieder zu alter Form zurückgekehrt: wie früher schien es, als könnte ihm nichts etwas anhaben, und niemand erinnerte sich, Baldr je verwundet gesehen zu haben. Nur Baldr wusste, dass ihn diesmal tatsächlich nichts traf.

Denn dies war das Werk seiner Mutter, die allen Gegenständen, Pflanzen, Tieren, ja sogar der Erde selbst einen Schwur abgenommen hatte, dass diese dem geliebten Sohn nicht schaden würden.

Und so zerbrachen wie durch Zauberhand Klingen, bevor sie ihn streiften, und Geschosse blieben in Hindernissen stecken, die plötzlich wie aus dem Nichts im Weg waren. Für eine Weile schien es, als könne Baldr sein Geheimnis hüten. Aber er vergaß nie, was Loki ihm gezeigt hatte.

Manchmal hoffte er, dass Loki sich geirrt haben könnte, und dass ihm sein eigener Tod nicht bevorstünde. Er malte sich aus, wie der Freund eines tages mit vor Erleichterung strahlendem Gesicht auf ihn zugelaufen käme, und alles vergessen wäre… vergessen, wie auch seine Verletzungen und sein Blut.

Aber so sehr er auch hoffte und bangte, sein Herz wusste, dass es nicht so kommen würde. Mit Odin sprach er nur noch selten, denn er sah, dass auch Odin wusste, was er, Baldr, würde tun müssen. Und daran, dass Loki einen Weg finden würde, zweifelten weder Odin noch Baldr auch nur für einen Augenblick.

Nanna erzählte eines Abends, Loki sei wieder aufgetaucht; Sigyn habe es berichtet. Es gab Baldr einen Stich ins Herz, dass er ihn nicht aufgesucht hatte — denn seit sie sich zuletzt gesehen hatten, war eine lange Zeit vergangen, und er hätte den Freund nur zu gern getroffen. Doch insgeheim ahnte er, dass die Zeit dafür noch nicht gekommen war.


Und dann wurde das Geheimnis entdeckt. Es geschah bei der Jagd: Baldr und seine Gruppe hatten sich an einen besonders stattlichen jungen Hirsch herangemacht, und Baldr, der von allen am wenigsten Misstrauen erweckte, hatte ihn umrundet und war bis auf wenige Schritte herangekommen.

Hinterher wusste niemand mehr, wie es dazu kommen konnte, oder wer den Pfeil abgeschossen hatte: der Hirsch sprang plötzlich davon, als wäre er gewarnt worden.

Es ging viel zu schnell als dass Baldr hätte ausweichen können. Der Pfeil flog kerzengerade auf ihn zu und hätte ihn wohl tödlich getroffen, wenn er nicht stattdessen im allerletzten Moment, vor den ungläubigen Blicken der Jagdgesellschaft, in der Luft zersprungen wäre. Baldr war unversehrt. Nicht einmal ein Holzsplitter hatte den Weg in seine Haut gefunden, und alle hatten gesehen, wie es geschehen war.


Teil IV

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