Baldrs und Lokis Geschichte: Teil IV

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Schließlich machte Baldr sich auf, um Loki zu suchen. Er fand ihn leichter, als er es sich vorstellen wollte. Baldr setzte an, um Loki von dem Zwischenfall bei der Jagd zu erzählen, doch Loki unterbrach ihn: “Die Kunde von deinen Taten reist schneller als du.”

Beide sahen einander an, ohne zu sprechen. Wie spiegelgleich sie doch waren, und wie unterschiedlich. Als sie einander nach so langer Zeit wieder erblickten, fand jeder Gefallen am anderen. In ihren Herzen sahen sie die Spuren der Zeit, die vergangen war, seit Loki Baldr abgewiesen hatte. Es waren Spuren von Furcht, aber auch von großem Mut und Entschlossenheit.

Nie hatte es einen Zweifel daran gegeben, dass Loki einen Weg finden würde, Baldrs Geschichte ihrer Bestimmung zuzuführen. Und dass er diesen Weg gefunden hatte, das sah Baldr in seinen Augen. In ihm waren sie beide unwiderruflich miteinander verbunden.

Da gingen sie zusammen in die Berge, erklommen die hohen Gipfel und zeigten einander die Schönheit der Welt.


Nichts ist darüber bekannt, was Baldr Loki zeigte. Loki zeigte Baldr ein Spatzennest, in dem gerade ein Junges aus dem Ei geschlüpft war. Da verwandelte sich Loki in einen hübschen Spatz und machte der Mutter so schöne Augen, dass sie sich ablenken ließ, und Loki unbemerkt die Eierschale aus dem Nest stehlen konnte. Die Schale schenkte Loki Baldr.


Niemand wusste, wann oder wie es geschehen würde. Niemand wusste, was geschehen würde. Es war nicht einfach gewesen, aus einem Mistelzweig einen Dolch zu schmieden, doch Loki unterhielt, allen Widrigkeiten zum Trotz, eine rege Geschäftsbeziehung zu Zwergen, wobei er natürlich einigen tunlichst aus dem Wege ging. Und so hatte er, nach schwierigen Verhandlungen, die von einem sehr betrunkenen Loki mit einem noch betrunkenerem Vetter Andvaris geführt worden waren, den Auftrag in die Wege geleitet.

Der Dolch selber steckte in einer Scheide, die Loki speziell dafür angefertigt hatte. Sie war prachtvoll geschmückt mit Gold und Edelsteinen, und kleinen bunten Perlen aus Glas. Doch das wirklich Besondere an ihr war, dass sie mit Baldrs eigenem Haar gesäumt war — und wie es Loki gelungen war, es zu sammeln, wird wohl für immer sein Geheimnis bleiben. Loki trug beides, Dolch sowie Scheide, in einer unscheinbaren Ledertasche immer bei sich.

Der Herbst ging vorüber, der Winter auch, und der Frühling danach auch. Eines Morgens rannte Sigyn außer Atem nach Hause. Loki spielte mit seinen jungen Söhnen, und war außerordentlich stolz, dass er sich schon mächtig ins Zeug legen musste, um von ihnen beim Mogeln nicht erwischt zu werden.

“Loki”, rief Sigyn, sobald sie in Rufweite gekommen war, “du musst schnell kommen, zum Idafeld! Sie haben… Baldr ist…” Sigyn brach ab. Schwer atmend stand sie bei ihrem Gemahl. “Geh schnell hin”, sagte sie leise.

“Aber Mama, warum?” wollte Narfi wissen. Er wollte noch mehr mit dem Vater spielen.

“Können wir mitkommen?” fragte Vali hoffnungsvoll.

Das kommt gar nicht in Frage, wollte Loki schon sagen, doch er schluckte die harten Worte herunter. “Vielleicht nächstes Mal”, antwortete er stattdessen, und wurde von einer plötzlichen Welle von Traurigkeit gepackt. “Vielleicht nächstes Mal.”

Sigyn küsste ihn. “Auch küssen”, forderte Narfi, und da kniete Loki auf den Boden, und Vali und Narfi gaben ihm einen dicken Kuss auf die Wange. Er umarmte sie, und dann lief er in Richtung Idafeld.


Als Loki ankam, wog der Dolch schwer an seinem Gürtel. Es hatte sich auf dem Idafeld eine große Versammlung gebildet, die sich um eine Erhöhung, ein hölzernes Podest scharte. Dort, bei einem reich geschmückten Pfahl, der weit in die Höhe ragte, stand Baldr.

Loki war eher klein, und konnte nur einen kurzen Blick auf Baldr erhaschen. Baldr lächelte. Als Loki begann, sich seinen Weg durch die Menge zu bahnen, bemerkte er, was die Umstehenden taten: Sie warfen mit allerlei Geschossen nach Baldr — Steine waren dabei, aber auch Speere, Messer und sogar Äxte. Da wurde Loki von einem großen Zorn erfasst. Am liebsten hätte er jemanden gepackt und geschüttelt, oder ihm Schlimmeres angetan. Denn was die Menge da nur spielte, war für ihn schonungsloser Ernst.

Aber niemand beachtete Loki, als er sich weiter nach vorn durch die Versammelten schob. Baldr als einziger hatte ihn bemerkt, und sein schmerzhaft warmer Blick folgte ihm. Immer noch lächelte er. Loki nahm den Dolch in die Hand. Die Luft war eidesschwer.


Der Dolch blitzte in der Sonne. Wenige Schritte trennten Loki jetzt nur noch von Baldr. Um sie herum wurde es still. Einige murmelten zu einander.

“Die Welt ist nicht mehr jung”, sprach Baldr. In der Hand hielt er einen metallenen Ring, den Loki sofort als den Eidesring erkannte, auf den er geschworen hatte. Loki wollte wegsehen, aber er konnte seinen Blick nicht von dem Baldrs wenden. Wie von einer unsichtbaren Kraft geführt hob sich seine Hand und umfasste den Ring, den Baldr ihm hinhielt.

“Die Welt ist nicht mehr jung”, wiederholte Loki.

Für einen Augenblick berührten sich ihre Stirnen. Baldrs Hand schloss sich um Lokis Nacken.

In die Stille hinein durchschnitt der Dolch die flimmernde Sommerluft, und dann, mit einem Geräusch, das nur Loki hörte, fand er seinen Weg durch Baldrs Kleidung bis tief in sein Herz.

Loki warf den Dolch achtlos beiseite, denn er hatte seinen Dienst getan. Er hielt den immer schwerer werdenden Baldr aufrecht in seinem Arm. Erst als er fühlte, wie Baldrs Arm um seine Schulter erschlaffte, ließ Loki ihn langsam zu Boden sinken.

Baldr war tot.

Ohne einen weiteren Blick, ein weiteres Wort, wandte Loki sich ab und ging davon.


Wie er es so viele Jahre getan hatte, wanderte Loki umher, getrieben von einer namenlosen Empfindung der Unausweichlichkeit. Er wusste, dass er seine Rolle noch nicht erfüllt hatte, und sie weiter würde spielen müssen solange er am Leben war.

Doch seiner Trauer konnte er nicht aus dem Wege gehen. Loki erkannte dies erst, als er das bescheidene Heim seiner Mutter, und seiner Kindheit, sah.

Auf Knien flehte er Laufey an, was er getan hatte, ungeschehen zu machen, bat sie vergeblich um Vergebung, um Strafe. Loki schrie seinen ganzen Schmerz und seine Trauer heraus, weinte bittere Tränen in Armen seiner Mutter. Laufey ließ ihren jüngsten Sohn gewähren, und hielt ihn, bis er nicht mehr weinte.

“Niemand darf meine Tränen sehen”, sagte Loki da, und bat Laufey, sie für ihn zu verstecken.

Und Laufey, die mit allen Lebewesen des Waldes vertraut war, rief einen Hirsch herbei; es war derselbe, der Baldr und den anderen bei der Jagd entwischt war, aber dies wusste weder Laufey noch Loki. Da nahm Laufey Lokis Tränen und versteckte sie in einem Hautsäckchen, das sie zwischen den Schultern des Tieres fand. Dort befinden sie sich heute noch.

Und niemand sah Lokis Tränen, und als alle weinten, da blieben Lokis Augen trocken.

Die Welt war nicht mehr jung.


Ende.

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