Lokis Runen, im Volksmund

Das hier betrifft etwas, das mir in deutschsprachigen Foren und Gruppen im Ansatz, in internationalen Gruppen aber fast epidemieartig aufgefallen ist: und zwar die Zuordneritis zwischen Runen und Gottheiten. Oder auch zwischen Tarot-Karten und Gottheiten, oder Farben und Gottheiten, oder Tarot-Karten und Farben und Runen, oder, was weiß ich. Ich hab keine Ahnung, warum überall solche Assoziationen gesucht werden, und es ist jetzt auch nichts grundsätzlich Verkehrtes — Assoziation kann schließlich, insbesondere im Zusammenhang mit Ritualen, bedeutungsschaffend wirken. Das gilt natürlich auch für solche Rituale und Menschen, die mit Loki “zu tun” haben.

Trotzdem fällt mir immer wieder auf, dass Leute es sich zur Aufgabe machen, jeden und jede, die noch nicht lange dabei ist, blitzschnell darüber “aufzuklären” dass Loki’s Rune <X> oder <Y> ist, als wäre es ein göttliches Edikt, und als solches unumstößlich. Das ist aber, um es mal klar zu sagen, Unsinn.

Zunächst einmal gibt es selten überhaupt einen Konsens, welche der Runen jetzt denn die “Richtige” ist — die einen behaupten dies, die anderen etwas anderes, und jeder nimmt für sich in Anspruch, Recht zu haben (natürlich auf Basis göttlicher Legitimierung oder so). Dass einem auffällt, dass es keinen Konsens gibt, setzt voraus, dass man sich nicht mit der erstbesten Antwort zufrieden gibt.

Aber nicht nur am Konsens mangelt es, sondern insbesondere in der Belegbarkeit solcher Behauptungen. Leute, die Neuankömmlinge mit Kurzfassungen wie “Lokis Rune ist <X>” abspeisen, täten gut daran, diesbezüglich ehrlich zu sein, und das auch zuzugeben.

Das Allererste, was wir uns bewusst machen müssen, ist, dass wir eigentlich gar keine Ahnung haben, wozu — abgesehen vom normalen Schreiben — Runen überhaupt verwendet wurden. Unter Runenforschern gibt es zwar eine relative Einigkeit, dass Runen auch innerhalb magischer Handlungen Verwendung fanden — aber die Verwendung von Runen zu Divinationszwecken ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine moderne Erfindung. Die “allgemein” verbreiteten Runenbedeutungen, die die Basis für eine solche Divinationspraxis bilden, sind zum Teil aus den Runengedichten abgeleitet, und zum Teil aus dem Erfahrungsschatz derer, die sie so verwenden (und daraus nicht selten Kapital schlagen).

Die Funktion der Runengedichte — das heißt, das altenglische, altnorwegische, und altisländische Gedicht, das jeweils die Runen beschreibt — wird in der Regel als Gedächtnisstütze (Eselsbrücke) vermutet; die auffallenden Ähnlichkeiten zwischen ihnen lassen jedoch vermuten, dass die Gedichte kulturell begründete Gedankengüter und Ideen transportieren. Diese Schlussfolgerung ist es vermutlich, die viele moderne Autoren als Legitimierungsgrundlage verwenden, um “die Bedeutung der Runen” zu definieren.

Anhand des langen Vorwortes sollte klar geworden sein, mit wie wenig Sicherheit wir die moderne Verwendungsart von Runen überhaupt historisch belegen können — von Zuordnungen zu Gottheiten ganz zu schweigen. Während manche solcher Zuordnungen irgendwie fast nahezuliegen scheinen (wie z.B. die Assoziation des Gotts Tyr mit der Rune Tiwaz), sind solcherart Assoziationen fast schon Garant für übermäßige Vereinfachung, und dafür, die jeweilige Gottheit auf einen einzigen Aspekt zu reduzieren. Und wenn es etwas gibt, von dem Loki ganz sicher mehr als genug abbekommen hat, dann ist es übermäßige Vereinfachung und Reduktion auf wohltuend einfache, aber letztlich für Sein Sein völlig bedeutungsleere Schlagwörter.

Davon ganz abgesehen beziehen sich Runenzuordnungen zumeist auf das Ältere Futhark — ein Runen-“Alphabet”, das zu der Zeit, auf die sich die meisten Praktizierenden historisch beziehen, bereits längst (ca. 1000 Jahre) nicht mehr in Gebrauch und durch das sogenannte Jüngere Futhark (auch Wikinger-Futhark genannt) ersetzt worden war. Demnach ist es fast lächerlich unwahrscheinlich, dass im zur Disposition stehenden Zeitraum das Ältere Futhark in heidnischer Praxis überhaupt verwendet wurde, sogar wenn man den bereits unwahrscheinlichen Fall zugrundelegt, dass es historisch belegbar Zuordnungen zwischen Runen und Gottheiten gegeben hat, die irgendeine magische oder rituelle Bedeutung hatten.

TL;DR Disclaimer und begründete Zweifel an der historischen Belegbarkeit

Ohne das eben Gesagte jetzt komplett aus den Augen zu verlieren, finde ich dennoch, dass der Gebrauch von Runenassoziationen keinesfalls irgendwie falsch oder gefährlich ist (zumindest nicht gefährlicher, als die Arbeit mit Gottheiten und/oder/bzw. Runen an sich). Auf der Tatsache, dass es keinen Konsens gibt, welche der Runen jetzt nun Loki zuzuordnen ist, bin ich ja ausreichend herumgeritten; komplette Beliebigkeit herrscht allerdings dennoch nicht. Während es zwar keine einzelne Rune gibt die von heutigen Praktizierenden “überall auf der Welt” verwendet wird, gibt es doch eine kleine Gruppe von Runen, die man häufiger antrifft. Und zwar, in keiner bestimmten Reihenfolge: Kenaz, Dagaz, und Hagalaz.

Die Rune Kenaz

Kenaz ist in meinem Dafürhalten von diesen drei Runen die fragwürdigste und problematischste, aber zugleich auch die interessanteste. Sowohl das norwegische als auch das isländische Runengedicht verbinden die Rune Kenaz mit den Bedeutungen “Krankheit”, “Geschwür”, “Fieber” und “Kindestod”. Nur das altenglische Gedicht verweist auf die primäre Bedeutung “Fackel”.

Mit Ausnahme einer sehr wackeligen Spekulation über das mitteldeutsche Wort Logaþore, sowie des Auftauchens einer Gestalt “Lok” in einer hochmittelalterlichen Zauberformel aus Lincolnshire, tritt Loki ausschließlich in skandinavischen Quellen in Erscheinung. Verwirft man Hochspekulatives, so sind ausnahmslos alle Primärquellen zu Loki skandinavischen Ursprungs. Aus systematischen Gründen sollten daher bei einer Zuordnung von Kenaz zu Loki den entsprechenden Bedeutungen der Vorzug gegeben werden. Dies ist jedoch, wie man sehr bald herausfindet, nicht der Fall. Anstattdessen wird die Rune mit der Bedeutung “Fackel” belegt, und diese Bedeutung dann mit Loki in Verbindung gebracht — was, Ihr werdet es erraten haben, gleichzeitig der Umstand ist, der Kenaz in meinen Augen zu einer fragwürdigen Wahl macht.

Problematisch ist hier, dass Loki keinen nennenswerten Bezug zu Feuer hat. Loki ist, im Widerspruch zu Behauptungen in veralteten Forschungsarbeiten, nicht der nordische Gott des Feuers. Die Verbindung zu Feuer beruht auf, unverblümt gesagt, schlampiger Forschungsarbeit und schlicht und ergreifend falscher etymologischer Spekulation eines gewissen Herrn Jakob Grimm (den geschichtsbewusste Heiden, inklusive mir selbst, mit großer Leidenschaft verabscheuen).

Wenn es also keinen primären Bezug von Loki zu Feuer gibt, und wenn weiterhin die Bedeutungsvariante “Fackel” aufgrund ihrer Herkunft außerhalb Skandinaviens fragwürdig ist, stellt sich natürlich die Frage, wie sich die Praxis, Loki mit Kenaz in der Bedeutung Fackel zu verbinden, überhaupt halten kann.

Man könnte an dieser Stelle zum Beispiel den Einwand anbringen, dass der Name des Stern Sirius im Isländischen — Lokabrenna — als “Lokis Fackel” übersetzbar ist. Dies ist aber keineswegs die einzige, und nicht einmal die naheliegendste Übersetzung: “Flächenbrand” anstelle von “Fackel” ist hier die weitaus häufiger auftretende Variante. Weiterhin ist der Name “Lokabrenna” jüngeren Datums, und es ist alles andere als erwiesen, dass es vor dem Hochmittelalter eine Verbindung zwischen Loki und dem Stern Sirius gegeben hat. Und obwohl sich “Lokabrenna” für unsere heutigen Ohren irgendwie cool anhört — “hey, guck mal, Lokis Fackel, ist das nicht schnieke?” — wenn man die ursprüngliche Verwendung betrachtet, war “Lokis Fackel” mitnichten eine Auszeichnung oder ein irgendwie positiv belegtes Attribut. Vielmehr diente der Hinweis auf einen “Flächenbrand” als Anspielung an mittelalterliche Vorstellungen der Christlichen Apokalypse, und wurde somit genutzt, um Loki ins Licht dämonischer Aktivitäten zu rücken.

Weiterhin ließe sich einwerfen, dass es einen, wenn auch nur in der Folklore überlieferten, Bezug Lokis zum Herdfeuer gibt — eine Gleichsetzung von Herdfeuer mit einer Fackel halte ich jedoch für… am “Flammenhaar” herbeigezogen.

Für viel interessanter halte ich aber die verschmelzende und zugegeben eklektische Auflösung dieser Problematik, die man in der modernen Praxis häufig antrifft. Hierbei werden die Bedeutungen “Fackel” und “Krankheit” auf der metaphorischen Ebene miteinander kombiniert, mit dem Ergebnis einer synthetischen Bedeutung “reinigendes Feuer”, bzw. “Fieber” (mit dem Beiklang, dass durch Fieber Krankheitserreger getötet werden). Obwohl diese Synthese strikt eine moderne Erfindung ist, sind die vermittelten Bilder und Empfindungen relativ naheliegend, und meiner Meinung nach, die viele Loki-Verehrer bestätigen werden, sehr zutreffend. In der modernen Praxis ist Loki einigermaßen berüchtigt dafür, mitunter auch sehr harsch einzugreifen, wenn Dinge im Argen liegen und, wie ein Infekt, verschleppt werden.

Die Rune Hagalaz

Hagalaz ist in Verbindung mit Loki deutlich direkter als Kenaz. Die Rune bezieht sich (naheliegender Weise) auf Hagel, und ist in dieser Bedeutung in allen drei Runengedichten attestiert. (Es gibt darüberhinaus noch etwas über die Erschaffung der Welt, und die Krankheit von Schlangen… oder die Schlangenkrankheit?… ich versteh’ diesen Teil nicht wirklich, aber für die Diskussion von Hagalaz als stellvertretende Rune für Loki hat er keine Bedeutung).

Wie dem auch sei, die Rune Hagalaz wird, wenn sie als Representation für Loki fungiert, gemäß ihrer Verbindung zu Hagel, mit plötzlichen, zumeist verheerenden Ereignissen assoziiert. Indem sie diese Rune verwenden, beziehen sich moderne Praktizierende auf Loki ald den Herbeiführer kataklysmischer Veränderung. Nun… ich weiß ja, dass “Bringer von Veränderungen” eine recht populäre Rezeption Lokis ist, und zu einem gewissen Grad stimme ich dem sogar zu: Die Kenning “sagna hrœrir” für Loki — zu deutsch, “Beweger der Geschichten” passt sehr gut in die Ecke “Bringer von Veränderungen”, und sie gehört zu meinen persönlichen Lieblingskennings für Loki. Aber ich denke auch, dass “Bringer von Veränderungen” oftmals schwer fehlinterpretiert, und bisweilen missbraucht wird.

Meine persönliche Meinung ist, dass der Aspekt Kataklysmus (Verheerung) für die Rune essentiell ist, nicht so sehr aber für den Gott. Lokis Assoziation mit Kataklysmus rührt von seiner angeblich herbeiführenden Rolle bei den Ragnarök her  — und diese ist bereits ausführlich genug diskutiert worden, um mehrere Dissertationen damit zu befüllen. Wie an so vielen Stellen in der Mythologie ist es keineswegs besonders klar, was Loki überhaupt tut, wenn es an die Ragnarök kommt. Was mit Sicherheit zu sagen ist, ist dass nirgends in der gesamten Mythologie, explizit oder implizit, die Rede davon ist, dass Loki derjenige ist, dessen Handlungen die Ragnarök herbeiführen. Daher bin ich sehr skeptisch, was die Wichtigkeit der Bedeutung “Kataklysmus” im Bezug auf Loki angeht. Ich würde sagen, Er kann damit arbeiten, aber ich bin ganz und gar nicht sicher, dass Ihn diese Bedeutung charakterisiert.

Die Rune Dagaz

Die Rune Dagaz ist weder im norwegischen, noch im isländischen Runengedicht attestiert. Im altenglischen Gedicht steht sie mit der Bedeutung “Tag” sowie “Morgendämmerung” in Verbindung.

Im Kontext einer Verwendung zur Representation Lokis aber, ist die herangezogene Bedeutung der Rune die der “Liminalität”. Das Wort Liminalität bezeichnet in der Anthropologie Übergangsphasen, sowie Schwellenzustände im Allgemeinen. Als solche ist die Bedeutung also nur indirekt mit den Primärbedeutungen “Tag”, “Morgendämmerung” verbunden. Die Morgendämmerung bezeichnet zwar eine Übergangsphase, nämlich die zwischen Nacht und Tag — jedoch kann dasselbe auch über die Abenddämmerung gesagt werden, die aber mit Dagaz nicht in Verbindung steht. Die Bedeutung Liminalität wurde der Rune zuerst von Stephen Flowers (auch bekannt als Edred Thorsson) zugeschrieben, der schon an sich alles andere als eine unproblematische Quelle ist… Vorsicht ist also angebracht. Es hat jedenfalls den Anschein, als beruhe die Bedeutung Liminalität hauptsächlich auf der Form der Rune — nämlich der einer Doppelaxt.

Es ist nicht völlig abwegig, dieses Doppelaxt-Symbol mit “Polarität” bzw. “Dualität” in Verbindung zu sehen. Mit den Bedeutungen “Tag” bzw. “Morgendämmerung” ist dies insofern im Einklang, als dass im nordischen Heidentum die Morgendämmerung die Mitte eines Tages markierte — gemäß der Mythologie geht die Nacht (Nótt) dem Tag (Dagr) voraus, indem sie ihn gebiert, was die Morgendämmerung genau an den zentralen Punkt setzt, der Nacht und Tag vereint — oder, um es passender auszudrücken: trennt.

Wenn die Rune Dagaz verwendet wird, um Loki zu repräsentieren, ist sie in Verbindung mit seiner Rolle im Bezug auf Gegensätzlichkeiten, Mitten, und Zwischenräume (Übergangsräume) zu sehen. Eine von Lokis belegten Kennings ist “miðjungr” — das heißt, “Wesen der Mitte”. Ich mag diese Kenning, insbesondere weil sie Lokis einzigartige Position “zwischen” Göttern und Riesen, aber auch zwischen anderen gegensätzlichen Polen, wie etwa der Weiblichkeit und der Männlichkeit, greifbar macht. Diese Position ist nämlich keinesfalls einfach zu beschreiben, aber darüber werde ich vielleicht bei Gelegenheit mehr zu Papier bringen.

So betrachtet ist die Rune Dagaz gar nicht so schlecht geeignet, um als Repräsentantin für Loki zu dienen, auch wenn sie in den skandinavischen Runengedichten nicht vorkommt, und auch wenn die herangezogene Bedeutung Liminalität nicht unmittelbar aus dem Runengedicht hervorgeht.


 

Insgesamt ist es aber eher schwierig, eine einzelne Rune zu finden bzw. finden zu wollen, die Loki Zuordenbar ist.

Neben den oben betrachteten Runen Kenaz, Dagaz und Hagalaz, werden manchmal auch Berkano und Thurisaz nahegelegt. Das norwegische Runengedicht erwähnt Loki in dem Vers zu Berkano, aber es ist das einzige der drei Gedichte, welches das tut. Darüberhinaus scheint es, als sei diese Erwähnung hauptsächlich zum Zweck der Erfüllung der Reimform getätigt. Es ist also nicht intuitiv, Berkano als Loki-Assoziation zu verwenden.

Was die Rune Thurisaz angeht, so ordnet diese Loki eindeutig den Thursen, mindestens jedoch den Jötnar zu, und ignoriert dabei völlig, dass Loki in der Gesamtheit der mythologischen Quellen nie als Jöte, Riese, Thurse oder ähnlich bezeichnet wird, sondern, wenn eine Gruppenzugehörigkeit überhaupt ausgedrückt wird, ausnahmslos als Ase. Von allen häufiger anzutreffenden Varianten geht die Variante Thurisaz meiner Meinung nach am Weitesten am Kern der Sache vorbei.

Das Fazit: Es gibt keine irgendwie geartete offizielle “Loki-Rune”. Aber wenn Du eine willst, dann hoffe ich, dass die obigen Ausführungen bei der Wahl einer für Dich geeigneten Rune hilfreich sind. Ich persönlich habe keine Loki-Rune, obwohl ich die Runen an sich (und zwar alle!) nützlich finde, um jeweils über bestimmte Anteile von Lokis Person in Kontemplation zu treten.

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Myriad Hallaug Lokadís
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