Eine Klare Ansage über Götter, Gebet und Anbetung

Gerade rege ich mich wieder einmal auf, also sehe man mir meine direkten Formulierungen bitte nach.

Man braucht nur in eine x-beliebige heidnische, schamanische, oder spirituelle (jeweils in der Eigensichtweise, natürlich) Gruppe zu gehen, eine Diskussion über Gottheiten suchen, und schon findet man haufenweise Leute die folgendes von sich geben:

  • Götter interessieren sich nicht für Menschen
  • Beten? Das ist was für Christen und andere unterwürfige Würmchen*

Und mein persönlicher Favorit:

  • Die Götter wollen nicht, dass ich bete, sondern dass ich eigenverantwortlich handle

Ich muss sagen, so viel ausgemachten Unsinn kann ich nur schwer ertragen. Da wird Gebet zum Schimpfwort, und alles, was mit der Hinwendung zu Gottheiten zu tun hat, wird allermindestens mit großer Skepsis beäugt. Die Leute scheinen der Meinung zu sein, dass Gebet und Unterwürfigkeit Hand in Hand gehen, und dass außerdem Gebet und Unselbstständigkeit bzw. Unreife Hand in Hand gehen; das Ganze wird dann gerechtfertigt durch die Grundannahme, dass Götter ohnehin kein Interesse an Menschen haben, und somit alles Gebet nur Augenwischerei und völlig unnütz ist.

Um es klar zu sagen: diese Grundannahme ist völliger Quatsch. Absoluter, himmelschreiender Blödsinn. Wer so denkt, hat die Grundlage polytheistischer Praxis nicht verstanden: Geben und Nehmen — man gibt Opfergaben an Götter, damit diese helfen, ein Ziel zu erreichen. Das ist, so pragmatisch, “unspirituell” und wenig “lichtvoll” es klingt, der grundlegende Mechanismus polytheistischer Praxis.

Die Götter greifen ihrerseits ins Geschehen ein; durch das Bittopfer entsteht der Kontext, der dann dem Handeln der Gottheiten den entsprechenden Rahmen gibt und auf den zurückverwiesen wird. Dies wiederum stärkt die Bindung der Menschen an die jeweilige Gottheit und sichert den Fortbestand der religiösen Praxis. Ist eine Gottheit extrem unzuverlässig oder ineffektiv, dann wird diese Gottheit nicht mehr verehrt, ihre Tempel und Altaranlagen verwaisen, und man wendet sich anderen Göttern und Göttinnen zu.

Die Götter interessieren sich nicht für Menschen? Von wegen. Es ist sozusagen der Job von Göttern, sich für Menschen zu interessieren und sich in menschliche Belange einzumischen.

Aber dem Fass den Boden ausgeschlagen hat ein Kommentar, den ich neulich auf einer Online-Plattform als Antwort auf einen Beitrag von mir erhalten habe. In diesem Beitrag beschrieb ich meine Praxis, zu der eben auch Meditation, aber vor Allem Gebet und Anbetung gehört.

Und dann erdreistete sich ein mir völlig unbekannter Mensch in Bezug auf meine Erwähnung von Gebet als Bestandteil meiner Praxis zu folgender Aussage:

“Für uns gibt es kein Schicksal oder Vorsehung, sondern ICH bin verantwortlich für mein Leben und sonst niemand. Da gibt es kein o,gott, o, gott, o,gott”

Abgesehen von fast standardmäßigen grammatikalischen und orthographischen Irrungen, dachte ich mir… ja eigentlich nur: so eine Unverschämtheit. Und gleich darauf: hahaha, Du hast ja so keine Ahnung.

Zunächst einmal kam dieser feine Herr gleich mit einem Plural um die Ecke, “Für uns gibt es […]”. Aber sei’s drum, denn das eigentlich “Schöne” an dem Kommentar:

  • Die Implikation, dass Gebet automatisch bedeutet, man übernehme keine Verantwortung, sondern sehe sich auf Gedeih und Verderb dem/der “Schicksal oder Vorsehung” ausgeliefert
  • Die spöttisch-weinerliche Formulierung von Gebet als “o,gott, o, gott, o,gott” (sic)

Diese beiden Punkte sind einfach nur Anmaßung in Reinform, und außerdem auch noch so weit von der Wahrheit entfernt, dass man sie nicht einmal mehr als Pünktchen am Horizont sehen kann.

Was weiß dieser Mensch darüber, was Verantwortung für jemanden bedeutet, die nicht einfach Loki verehrt, sondern Ihm gehört? Was darüber, was es mit einem macht, von einem Gott auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt zu werden? Und Ihm dabei zu helfen?

Es ist eines, einen Gott zu bewundern, Ihn zu preisen, und zu Ihm zu beten — und auch das schaffen schon viele nicht, weil es ihre empfindlichen Egos dermaßen zerbröseln würde. Aber es ist etwas ganz anderes, zu einem Gott zu gehen, der sich meiner annimmt, und Ihm dabei zu helfen, Haut, Fleisch, Knochen zu zertrennen, bis Er mein Innerstes bloßgelegt hat. Ihm dabei auch noch zu helfen, Vergangenes wieder an die Oberfläche zu zerren, nur um dann festgehalten und gezwungen zu werden, es mir ganz genau anzusehen, damit es vielleicht zum ersten Mal richtig abgelegt werden kann?

Und was, möchte ich wissen, weiß dieser Mensch über mein Gebet? Was darüber, wie es sich anfühlt, wenn ein Gott zurückspricht? Wenn Er, dieser Gott, verlangt, zu wissen? Wenn Er sich zeigt, und Einzelheiten über sich offenbart, die ganz plötzlich verstehen lassen? Wenn man weiß, dass es kein Verstecken und kein Verstellen gibt? Weiß so ein Mensch überhaupt irgendetwas über Ehrfurcht?

Oder gar “nur” über Anbetung? Die tiefe Erkenntnis über ein göttliches Wesen, Seine Schönheit und Macht zu erblicken, nur einen Moment lang, nicht nur im Kopf, sondern ganz, ganz tief im Magen? Das Bedürfnis, diese Schönheit wieder zu sehen, immer wieder, und sie zu suchen…

Was weiß so ein Mensch schon darüber?

Nichts.

Und wenn ich ein gütigerer Mensch wäre, würde es mir für diesen Menschen leid tun.

* ich halte übrigens Christen nicht für Würmchen, und Unterwerfung auch nicht für etwas in sich Schlechtes.

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About Myriad

Myriad Hallaug Lokadís
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8 Responses to Eine Klare Ansage über Götter, Gebet und Anbetung

  1. Sólveig says:

    Es ist generell anmaßend über die spirituelle Praxis von anderen Menschen zu urteilen oder sich gar über sie lustig zu machen oder darüber zu stellen. :-/ Es ist traurig, dass so was immer und immer wieder passiert, auch in Kreisen die versuchen es “anders zu machen”.

    • Myriad says:

      Dem kann ich nichts hinzufügen.

      • Sólveig says:

        Ich habe immer großen Respekt vor Leuten die einen ehrlich demütigen Weg gehen, weil er von großer Hingabe zeugt. Beten hat auch für mich nichts mit Betteln oder mit Nichts-Tun zu tun. Vielleicht ist das irgendwie so ein Grundsatzproblem. Ich weiß nicht.

      • Myriad says:

        Es ist ja auch so: die allermeisten in ihrer Eigenidentifikation spirituellen Menschen, ob sie nun selber beten oder nicht, oder ob sie sich als demütig empfinden oder nicht, kommen mit Gebet bei anderen ganz hervorragend zurecht. Alles kein Problem… und natürlich sieht man da den Einzelnen nicht so stark — fällt ja niemand (unangenehm) auf.

        Und dann gibt’s halt doch immer wieder diese Holzpfosten, die sich über alles und jeden auslassen müssen, der nicht auf genau die gleiche Art spirituell ist wie sie selbst. Und die fallen dann leider auf, und aus dem Rahmen.

  2. mondfeuer says:

    Hey,
    Ein toller, leider wahrer und schön auf den Punkt gebrachter Text.
    Klar wollen meine Götter auch dass ich eigenverantwortlich handele.
    Sicher soll ich meinen Ar*** hochbekommen und mir holen was ich brauche und oder will, das schließt aber weder für mich noch meine Gottheiten das Gebet aus.
    Im Gegentum.
    Ich wäre dafür dass du diesen Post im Netz in die Foren und grade Gruppen tapezierst, vielleicht hilft der einigen Leuten die meinen sich anmaßend über andere erheben zu können die Sache etwas klarer zu sehen irgendwann…oder zumindest jenen die sich von solchen Leuten beeindrucken lassen.

    Grade in Phasen wo ich, aufgrund von diversen Situationen, nicht in der Lage bin zu schamanisieren oder zaubern ist das Gebet und das Opfer die stärkste und wirksamste Sache die ich machen kann.

    Ich versteh die Leut echt nicht….immer weniger….

    • Myriad says:

      Grade in Phasen wo ich, aufgrund von diversen Situationen, nicht in der Lage bin zu schamanisieren oder zaubern ist das Gebet und das Opfer die stärkste und wirksamste Sache die ich machen kann.

      Oh ja, das ist absolut richtig. Für Leute wie mich, die sich nicht als Schamanen oder Magier sehen, sondern in allererster Linie als Liebesmystiker(innen), ist Beten und Opfern auch ganz einfach Beziehungspflege. Eben aufgrund dieses “Wumms”, den es als Handlung hat.

      Ich renne auch nicht jeden Tag durch die Stadt und fühle mich stets in Begleitung meines Höchstgeliebten — um genau zu sein, gab es schon Wochen- und Monatelange “Kommunionspausen”, die mich, ob ich es zugebe oder nicht, sehr besorgen bzw. belasten. Und gerade in diesen Situationen, wo es verlockend erscheint, Dinge schleifen zu lassen (nicht aufzugeben), ist Gebet und Opfer wie ein Blindenleitsystem an der U-Bahn-Haltestelle. (Meine Metapher suckt ein bisschen, aber Du weißt, was ich meine). Wenn man das weiter tut, dann ist es nie ganz so schwer, wieder zu der erfüllten Praxis zu finden, wie wenn man das Beten/Opfern sein lässt…

      Ich wäre dafür dass du diesen Post im Netz in die Foren und grade Gruppen tapezierst, vielleicht hilft der […] jenen die sich von solchen Leuten beeindrucken lassen.

      Wegen denen jenen wär’s es fast wert, oder? Na vielleicht versuche ich es mal und poste den Link mal in die eine oder andere Gruppe, und schau’ was passiert. (Eine anonyme Zuschrift habe ich schon bekommen, dass mein Wortschwall jemandem Mut gemacht hätte)

      • mondfeuer says:

        Hey,
        Naja, ob die Metapher suckt oder nicht, sie trifft den Nagel auf dem Kopf.
        Mich machen die Kommunionsphasen nicht nur ein bischen besorgt…ich dreh da manchmal innerlich schon übel ab….
        ich selber seh mich schon irgendwo als schamagisch arbeitendes Dings, aber in erster Linie eben schon Mystiker, mit dem Problem, wenn man es so nennen will, dass Hekate zwar meinen Kopf beansprucht, da aber ne andere Gottheit ist wo es eigentlich drum geht und ich den Arsch nicht hoch bekomme…meine Schwester nannte das jüngst lack of faith….und das trifft es leider ziemlich genau…aber ist zu weit ab vom Thema….
        Ich bin gespannt ob dein Post Wellen schlagen wird.

      • Sólveig says:

        Ja, mich würde auch interessieren was das noch so für Wellen schlägt. Ich habe mich bisher immer brav aus all den Heiden-Netzwerken raus gehalten, weil ich weiß wie leicht man kollidieren kann. Da habe ich irgendwie keine Lust drauf.

        >>>Eine anonyme Zuschrift habe ich schon bekommen, dass mein Wortschwall jemandem Mut gemacht hätte<<<

        Genau DAS ist der Grund warum du mehr und auf Deutsch schreiben sollst! Du erreichst Menschen denen es ähnlich geht wie dir. Das sind ja allgemeine Probleme die viele Leute haben. Nur manche trauen sich nichts zu sagen.

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