Vom Umgang mit unbequemen Wahrheiten und gefährlichen Mündern

Längliche Pause meinerseits — war notwendig, und vom Chef “dringend angeraten”.

Ich nehme das neue Kalenderjahr mal zum Anlass, den weniger mystischen Aspekt meiner Verehrung von Loki auf diesem Blog etwas mehr präsent zu machen. Es gibt diesen Aspekt nämlich, und er ist für meine Praxis durchaus wichtig.

Ich möchte schon länger mal darüber schreiben, in welchem Licht ich die Lokasenna und Lokis Rolle darin und im weiteren Verlauf sehe. Die Rolle bzw. der “Geist” der Lokasenna innerhalb der Mythen ist etwas, woran sich die Geister scheiden. Das fängt schon bei der Datierung an, wobei hier wohl hauptsächlich zwei Faktoren für eine späte Datierung (um 1200) sprechen:

  • die christlich überhöhte moralische Auslegung der “Fehltritte” der Göttergesellschaft
  • thematisch lassen sich Einflüsse antiker Göttersymposien erkennen, die vor 1200 in Island aber wahrscheinlich unbekannt waren.

Es gibt einige Forscher, die sich für die “heidnische Authentizität” der Lokasenna ausgesprochen haben. Dies war zumeist um die Mitte des 20. Jhd der Fall: Dumézil diskutiert einen “heidnischen Geist” der Lokasenna, und schreibt sogar “Wahrscheinlich war der Dichter der Lokasenna ein guter Heide und wollte die maiestas der Götter nicht in Frage stellen, die aber schon in der Zeit des unbestrittnsten Heidentums von pittoresken minora begleitet war” (S.114). Als Beispiel für ein solches “pittoreskes minorum” — also eine Art Schwank — nennt Dumézil auch in einer Fußnote die Hárbardsljóð.

Dumézils Argumentation lässt sich vor Allem vor dem Hintergrund verstehen, dass er eine authentische Schuld Lokis an einem von ihm postulierten Mord an Baldr für seine Analyse der Parallelen zwischen Loki und dem Ossetischen Antihelden Syrdon zwingend benötigt. Dieses Schuldeingeständnis liefert die Lokasenna (Lok. 28), die Dumézil als authentisch heidnischen Schwank auslegt.

In neuerer Zeit wird aber diese Interpretation der Lokasenna stark angezweifelt. Y. Bonnetain führt dazu aus: “[Es] dürfte deutlich geworden sein, mit welch brisantem Material sich die Lokasenna trotz der verwendeten, heute vielleicht amüsant anmutenden, Kraftausdrücke auseinandersetzt. Keinesfalls ist sie als Komödie zu interpretieren, dafür sind die angesprochenen Themen viel zu ernst, ihre Bindung an die ragnarök wird teils nur angedeutet [Anm. von mir: etwa durch die Verwendung der Kenning “Wolfsvater” (Lok. 10) durch Odin], teils unverhohlen ausgesprochen […]” (S. 296).

Nun ja, wie man sieht lässt sich über Lokis Streitgespräche hervorragend streiten… aber ein kausaler Bezug zwischen der Bestrafung (so es denn eine ist) Lokis und dem Tod Baldrs kann, entgegen gängiger Auffassung nicht über die Lokasenna hergeleitet werden.

Es ist, wie ich meine, klar, dass Lokis Rolle in der Lokasenna darin besteht, der Göttergesellschaft den Spiegel vorzuhalten und ungeliebte Wahrheiten — denn dass es sich um Wahrheiten handelt, dürfte schon allein deswegen außer Frage stehen, da es ja sonst ein Einfaches gewesen wäre, Loki der Lüge zu bezichtigen und Ihm über den Mund zu fahren — ans Licht zu zerren. Der moralische Ton wundert angesichts der späten Datierung nicht. Es kann aber durchaus argumentiert werden, dass diese moralisch überhöhte Darstellung einzelner Mythen dazu gedient hat, die ragnarök selber moralisch neu zu bewerten. (Nämlich sozusagen als “gerechte Strafe”). Wenn dies der Fall ist, dann ist Loki in der Lokasenna als “Agent dieser christlichen Umdeutung” (Bonnetain, S. 303) eingesetzt worden.

Die Frage, die sich mir persönlich (bzw. spirituell) dadurch stellt ist die: Wieviel von dieser Rolle Lokis ist eigentlich wirklich LOKI? Und während manche modernen Heiden diese Rolle als besonders zentral und wesensbestimmend für Loki ansehen, bin ich aber eher zu dem Schluss gekommen, dass Loki diese Eigenschaft — nämlich Unruhe dadurch zu stiften, dass Er Verdrängtes und Unausgesprochenes explizit macht — durchaus hat, sie aber nicht im Geringsten moralisch zu bewerten ist. Für mich stellt es sich am Ehesten noch so dar, dass Loki als Beweger agiert; und wo lässt sich das effektiver tun als eben dort, wo Dinge durch Tabuisierung vermeintlich sicher “weggesperrt” sind. Aber dieser Abschnitt hier bezieht sich auf meine eigene Erfahrung mit Loki und kann nur meine eigene Perspektive wiedergeben.

Ich halte eine moralische Bewertung von Lokis Konfrontationskurs in der Lokasenna demnach für abwegig. Es gibt aber schon noch einen Aspekt von der ganzen Angelegenheit, den ich noch nicht angesprochen habe, nämlich: die Konsequenz, und warum es dazu kommt.

Der Prosarahmen der Lokasenna erzählt nach dem Abgang von Loki die Geschichte von Seiner Flucht, der Gefangennahme und der anschließenden Fesselung in einer Kurzfassung. Eine längere Version davon ist in Snorris Gylfaginning (Kap. 50) zu finden, allerdings nicht der Zusammenhang mit dem Streitgespräch in der Lokasenna, was aber hier nicht weiter stören soll. Der unklare Zusammenhang des Prosarahmens der Lokasenna mit der übrigen Mythologie tritt nämlich in den Hintergrund, wenn man bedenkt, dass der Prosarahmen der Lokasenna nicht die einzige, und wahrscheinlich auch nicht die ältere Mythe einer Bindung/Fesselung Lokis ist, durch die Er für Sein (ehrenrühriges) Verhalten zur Rechenschaft gezogen wird.

Skáldskaparmal 35 erzählt die Geschichte vom Abschneiden von Sifs Haar, der darauf folgenden Wette Lokis mit den Zwergen — wodurch die Götterattribute “beigeschafft” werden: Gungnir, Draupnir, Skídbladnir, Gullinbursti, Sifs goldenes Haar, und natürlich Mjölnir. Im weiteren Verlauf kommt es zu einer Abstimmung, welche Gegenstände die besseren seien. Die Abstimmung “scheitert” (das ist natürlich eine Frage der Perspektive) an Thor und Mjölnir, was letztlich dazu führt, dass Loki im wahrsten Sinne des Wortes mundtot gemacht wird.

Sowohl hier, wie auch in der oben angesprochenen Mythe in Gylfaginning 50 und dem Prosarahmen der Lokasenna tritt Thor in Erscheinung, indem Er Loki fängt und festhält. In der Skáldskaparmal nutzt der Zwerg Brokkr Thors Handeln, um Loki mit einer Ahle und einem Lederband die Lippen zusammen zu nähen.

Das ist übrigens ungefähr das verwendete Gerät. Von chirurgischer Präzisionsarbeit kann also nicht unbedingt die Rede sein. [Bildquelle: Wikimedia Commons]

Es stellt sich natürlich die Frage, ob Lokis Verhalten, wie ich oben angedeutet habe, in der Mythe Skáldskaparmal 35 tatsächlich als ehrenrührig bezeichnet werden kann. Das sieht zunächst nicht unbedingt danach aus: Loki schnippelt Sif die Haare ab, Thor ist sauer und versagt Loki die Unterstützung. Dennoch erscheint Thors Verhalten im Anbetracht obiger Gerätschaften UND der Tatsache, dass die Götter gerade ein ziemlich gutes Geschäft gemacht haben, ungewöhnlich kompromisslos und fast übertrieben.

Hierzu liefert aber ein ganz anderer Text einen interessanten Hinweis, nämlich Tacitus’ Germania. Darin findet sich folgende Information:

“[…] adultery is exceeding rare; a crime instantly punished, and the punishment left to be inflicted by the husband. He, having cut off her hair, expells her from his house […]” (Germania, 19).

Zu Deutsch: “[…] Ehebruch ist extrem selten; ein Vergehen, das sofort bestraft wird, wobei die Bestrafung dem Ehemann zur Durchführung überlassen wird. Nachdem er ihre Haare abgeschnitten hat, verweist er sie seines Hauses […]”.

Nun muss dazu ja gesagt werden, dass das Abschneiden von Sifs Haaren durch Loki nicht eindeutig in diesen Kontext gebracht werden kann. Dagegen spricht sowohl der zeitliche und örtliche Abstand, als auch die unterschiedliche Ausrichtung der in Frage stehenden Texte (die Edda bzw. Germania erfüllen völlig verschiedene Zwecke).

ABER: Eine Betrachtung des Kontexts Ehebruch wirft natürlich ein anderes Licht auf die ganze Angelegenheit. Denn sollte Loki Sif mit der Aktion des Haareabschneidens des Ehebruchs bezichtigt haben (was Er ja in der Lokasenna [54] wiederholt, und was auch an anderer Stelle [Harbardsljóð 48 um genau zu sein] durch Odin geschieht), dann ist Lokis Verhalten durchaus als ehrenrührig zu bezeichnen.

Vor Allem jedoch würde hierbei auch Thors Verweigerung der Unterstützung unmittelbar verstehbarer: Es geht nur vordergründig um die Tatsache, dass Mjölnir trotz des zu kurz geratenen Griffs… (Oh! Ein kleiner Seitenhieb)… ein “tolles Gerät” ist. Letztlich wird Loki nicht für Seine vielleicht leichtsinnige verlorene Wette, oder einen Streich spaßeshalber an Sif mundtot gemacht, sondern weil Er sich (berechtigter Weise übrigens) an Thors männlichem Stolz vergreift, indem Er Ihn als Hahnrei dastehen lässt.

Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Quellen:1.) Liederedda; Henry Adams Bellows’ Übersetzung ins Englische
2.) Edda; Snorri Sturluson. Arthur Gilchrist Brodeurs Übersetzung ins Englische
3.) Germania; Tacitus. Übersetzung aus: Internet Medieval Sourcebook
4.) Loki; Georges Dumézil. Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, 1959. Übersetzung ins Deutsche: Inge Köck.
5.) Loki, Beweger der Geschichten; Yvonne S. Bonnetain. Edition Roter Drache, 2012.

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5 Responses to Vom Umgang mit unbequemen Wahrheiten und gefährlichen Mündern

  1. Going to have to wait for your English version… but that picture of the tools has perked my crafter’s interest already.

  2. Sati says:

    Reblogged this on Kemetic Insights and commented:
    Und manchmal kommen die unbequemen Wahrheiten aus ganz anderen Kulturen…

  3. amysorglos says:

    Mein Gott, denken Sie sich das alles aus?

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